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Niemand kommt an Mikis Theodorakis vorbei, wenn es um griechische Musik geht. Seine Musik ist so vielschichtig wie er selbst: In den 40er schreibt er Symphonien und Kammermusik, nach dem zweiten Weltkrieg widmet er sich dem Volkslied und komponiert zahlreiche Lieder, schreibt Musik für Theater und Film, wie z. B. den ewigen Tanz-Renner aller Partys, Alexis Zorbas.
Während der militärischen Diktatur (1967-1974) tourt er durch Europa und propagiert die Wiederherstellung der Demokratie in Griechenland und in den 80ern komponiert er Opern mit antiken Sujets. In der griechischen Heimat, wo man ihm nur als Mikis kennt, gilt er als Vorbild des politisch aktiven und gesellschaftlich engagierten Künstlers.
Amazon.de: Man spricht heute von einer neuen kulturellen Revolution: Internet und Computer haben die Möglichkeiten einer "offenen" und unbegrenzten Kommunikation immens erweitert. Information und Wissen ist jedem zugänglich, offen und frei. Man betrachtet also Internet als eine Plattform für die Demokratisierung unserer Gesellschaft. Was meinen Sie?
Mikis Theodorakis: Ich habe mich leider nicht vertraut gemacht mit der Internet-Welt: Ich verstehe, dass es sich hier um eine brandneue Welt handelt, eine Welt, die unbegrenzte Kommunikationsmöglichkeiten anbietet sowie noch unerschöpfte Chancen für Information, und Weiterbildung, auch für künstlerische Weiterbildung. Was die Demokratisierung der Gesellschaft anbelangt, befürchte ich, dass sie tiefere Schnitte verlangt.
Amazon.de: Wo sehen Sie die Grenzen und Gefahren des elektronischen Zeitalters?
Mikis Theodorakis: Meiner Meinung nach muss darauf geachtet werden, dass der humane Aspekt, die Menschlichkeit, dadurch nicht eingeschränkt wird.
Amazon.de: Viele Komponisten nutzen die Möglichkeiten, die der Computer bietet. Im Gegensatz dazu zeigen Sie eine Präferenz für klassische Formen wie die Sinfonie und das Oratorium und sie verwenden akustische Instrumente. Haben Sie je mit Hilfe von Synthesizers gearbeitet?
Mikis Theodorakis: Die Beziehung zwischen Technik und Komposition soll immer ausgeglichen sein. Denn auch Künstler, die für Klavier komponiert haben, sind in der Vergangenheit von den zauberhaften Klang-Perspektiven des Instruments verführt worden. Eine Komposition-insbesondere eine sinfonische - ist, denke ich, ein so kompliziertes Verfahren, dass es nur im menschlichen Gehirn vollendet werden kann. Weiterhin muss der Komponist imstande sein, diese mentale Welt auf Notenpapier zu bringen ohne die Hilfe eines Instruments und natürlich ohne den Computer, der zweifellos armrseliger ist als der Mensch. Nicht nur die sinfonische Musik, sondern auch jede musische Tätigkeit ist ein Wunder, welches keine Technik erreichen kann.
Amazon.de: In ihren Kompositionen verbinden Sie Elemente von Stravinsky, Bartok und griechischer Folklore. Was führte Sie zu dieser Synthese?
Mikis Theodorakis: Jede Generation wächst auf dem Boden auf, den die letzte hinterlassen hat, das ist ein natürlicher Prozess. Stravinsky und Bartok bilden bei mir nur ein Teil meiner Persönlichkeit. Uns verbindet die gemeinsame Referenz an eine folkloristische Musiktradition mit großer Individulität, heißt es die russische, ungarische oder griechische. Allerdings entspringt der Hauptteil meines Werkes aus meinem Bedürfnis, dramatische Situationen auszudrücken. Tragödie war mein künstlerisches Ideal und ich bin glücklich, dass ich mein Lebenstraum verwirklichen kann: das Komponieren dreier lyrischen Tragödien (Opern): Medea, Elektra und Antigone.
Amazon.de: In den 50ern wurden in Darmstadt Kapitel der modernen Musikgeschichte geschrieben. Sie haben genau zu diesem Zeitpunkt der europäischen Musik den Rücken gezeigt und sich für 20 Jahre dem Volkslied gewidmet. Das war eine für Griechenland kritische Zeit. Das Deutsche Publikum kennt Ihre politische Vergangenheit und Ihr Engagement. War Ihre Entscheidung musikalischer oder politischer Natur?
Mikis Theodorakis: Beides. Nie habe ich Kunst als Vorwand für Hirnspinnerei und spektakuläre Experimente gesehen. Sicherlich gibt es in der Musik immer einen Bedarf an Erweiterung der Ausdrucksmittel, eine Tatsache, die nach ständigem Forschen und Experimentieren verlangt. Nur, die Experimente sind das Mittel. Das Ziel ist psychischer, emotionaler und intuitiver Natur, beflügelt durch die musische Phantasie. Im Fall der Darmstadt Schule wurde das Mittel zum Ziel. Meiner Meinung nach fiel am Ende dieses Versuchs --und das ist der Grund, warum sie dann so endete-- die Musik total weg. Aber nicht nur als Komponist, sondern auch als Bürger habe ich mich für solche Projekte nicht interesseirt.. Denn meine Erziehung wollte, dass ich als Komponist an jeden Menschen appelliere und nicht nur an eine kleine Gruppe von Eingeweihten. Seit dem Zweiten Weltkrieg spielt die Menschheit, das Volk, eine Hauptrolle im Historischen Geschehen. Damit ich mich als am ständigen Kampf für die Verbesserung und Befreiung des Volkes beteiligen könnte, müsste ich als Bürger meinen Teil beisteurn.
Amazon.de: Werke wie "Epitafios" oder "Axion Esti" wurden und werden noch heute gesungen. Sie sind Teil der Neugriechischen Geschichte, sie sind schon Klassiker. Heute werden kaum solche Lieder-Legenden geschrieben. Warum wohl?
Mikis Theodorakis: Ich erlaube mir zu sagen, dass auch meine späteren Werke ebenbürtig sind. Was sich geändert hat ist nicht die Musik, sondern das griechische Publikum. Denn es wurde durch zwei schmerzhafte und antispirituellen Prozesse gezwungen: Die Diktatur und die demokratische Regierungsumbildung danach.
Amazon.de: Wie entwickelt sich die griechische Musik heute?
Mikis Theodorakis: Es fällt mir schwierig, diese Frage zu beantworten.
Amazon.de: Gibt es neue, junge Komponisten, die sie respektieren?
Mikis Theodorakis: Es gibt welche, dennoch fehlt es an einer explosiven Persönlichkeit, die unserer Musik etwas ganz Neues bringen würde.
Amazon.de: Einige Sänger, wie z.B. Maria Farantouri, sind mit Ihrer Musik verbunden. Komponieren Sie manchmal für eine auserwählte Stimme?
Mikis Theodorakis: Wenn man das Glück hat, eine Sängerin wie Farantouri zu haben, wird man natürlich von ihrer Stimme inspiriert.
Amazon.de: Seit einiger Jahren singen auch Sie Teile Ihrer Konzerten. Finden Sie die heutigen Sänger nicht effizient?
Mikis Theodorakis: Meine Beteiligung beim Schlussakt meiner Konzerte hat mit den Qualitäten meiner Sänger nichts zu tun. Sie wurde schrittweise etabliert als eine andere, mehr persönliche, fast "erotische" Art der Kommunikation, die mir und dem Publikum gefällt.
Amazon.de: Was bedeutet für Sie der Kontakt zum Publikum während eines Konzertes?
Mikis Theodorakis: Es ist vielleicht das größte Geschenk der Natur.
Amazon.de: Inwiefern unterscheidet sich ein rein griechisches Publikum in Griechenland aus einem gemischten Publikum in Deutschland?
Mikis Theodorakis: Das Publikum in Deutschland und anderswo hört zum ersten meine Musik und dann interessiert es sich für die Legende "Theodorakis". In Griechenland ist es umgekehrt.
Amazon.de: Ein Teil des deutschen Publikums aber verbindet Ihren Namen ausschließlich mit "Zorba" und "Sirtaki". Stört Sie diese Nivellierung?
Mikis Theodorakis: Sie macht mich ärmer...
Amazon.de: Sie sind ein Symbol für den kritisch denkenden, politisch aktiven Künstler. Welche Möglichkeiten der politischen Intervention sehen sie in der Politik heute?
Mikis Theodorakis: Es hängt vom konkreten historischen Moment ab. Mein Beitrag im Fall Özalan vor etwa anderthalb Jahren hat deutlich gezeigt, dass wenn die Meinung des Künstlers aktuell ist und auf richtigen Argumenten basiert, die Wirkung des einflussreichtsten Politikers sogar noch überschritten werden kann..
Amazon.de: In Ihren Schriften und Interviews betonen Sie den Hellenismus Ihrer Musik. Wie bestimmen Sie das Griechentum heute?
Mikis Theodorakis: Schwer zu sagen, es ist ein komplexes Phänomen. Ich meine, es ist eine Mixtur aus historischen und kulturellen Traditionen. Für mich ist die philosophische Haltung gegenüber dem Phänomen des Lebens, wie sie von der antiken Philosophie ausgedrückt wurde, sehr bedeutend.
Amazon.de: Seit einiger Zeit kämpfen Sie für eine friedliche Annäherung des griechischen und des türkischen Volkes. Wie sieht hier die Zukunft aus, vor allem, die Idee der Europäischen Union?
Mikis Theodorakis: Es ist ein unvermeidlicher Prozess, vorausgesetzt, die Regel werden gehalten. Ich würde beispielsweise nie akzeptieren, dass mein Land zu einem Mitglied einer Europäischen Union unter der Herrschaft zwei oder drei übermächtiger Länder wird. Und ich glaube, dass alle Griechen es nie akzeptieren würden, wenn Griechenland ein deutsches oder französisch-deutsches Land würde. Dann lieber einsam bleiben. Das Gleiche gilt auch bezüglich unserer Kooperation mit der Türkei. Denn es gibt eine Kooperation von oben sowie eine von unten. Ideal wäre, wenn die zwei Bereiche kombiniert werden könnten.
Amazon.de: Ballett, Musik für Theater und Film, Lieder, Oper. Ihre
Musik scheint immer eine Geschichte zu erzählen oder aus einem Mythos oder Märchen zu stammen. Welche Geschichte wollen Sie heute noch vertonen?
Mikis Theodorakis: Momentan vertone ich Lysistrata in der Form einer lyrischen Komödie. Und dieses Projekt erfüllt mich vollkommen.
Amazon.de: Und Ihre Pläne für die Zukunft?
Mikis Theodorakis: Wichtig ist die Gesamtausgabe meiner Werke und die Aufnahme meiner klassischen Werke. Ich werde diese Projekte weiterhin persönlich betreuen und überwachen.
© Kleopatra Sofroniou-von Tavel
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin - Wir bedanken uns
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