Es ist ein großes Privileg, wenn man, wie ich, gegenüber dem Parthenon lebt. 1974, gleich nach dem Fall der Junta in Griechenland, bin ich in dieses Haus gezogen. Mir scheint, die Göttin Athene hat mich hierher geführt. Es ist wie ein göttliches Geschenk. Warum? Nun, das hat mit meinem Traum zu tun.
Vor 1974 wohnte ich in Nea Smyrni, einem Stadtteil mit kleinen Häusern und Gärten. Als ich nach Gefängnis und Exil dorthin zurückkehrte, stand ich vor großen Wohnblocks und hatte das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Jemand hat mal gesagt, dass der Mensch sich an alles, auch an das Hässliche, gewöhnen kann. Ich muss hinzufügen, er kann sich auch an das Schöne gewöhnen.
Am Anfang war es noch sehr schwer für mich, eine große Bürde, jeden Morgen die Akropolis aus meinem Fenster heraus zu sehen. Mittlerweile aber ist ihr Anblick zu meiner größten Freude geworden. Goethe hat einmal gesagt, der Parthenon sei wie gefrorene Musik. Er hat Recht, und ich gehe so weit und sage: Das Einzige, worüber ich nach meinem Tod traurig sein werde, ist, dass ich die Akropolis nicht mehr sehen werde.
Bevor ich sie zum ersten Mal aus der Nähe sah - ich war damals noch ein Junge und lebte in der Provinz -, hatte ich die großen Tragödien und Komödien der antiken Dichter, später die Philosophie, die Wissenschaft und überhaupt die griechische Antike entdeckt. Das war der Moment, in dem ich zum ersten Mal begriff, was das Leben bedeutet. Ich war 15 Jahre alt, als ich diese schöne Welt entdeckte. Das war zu einem Zeitpunkt, als der Zweite Weltkrieg tobte, alles um uns herum schwarz war. In dieser Zeit der großen nationalen und universalen Tragödie fing ich als Bursche an zu träumen. Mein großer Traum war es, antike Tragödien schaffen zu können, und zwar musikalische Tragödien - eine Antigone oder Medea - aber auf meine Art, meine musikalische Art. Und ich wollte vier Werke als eine einheitliche Tetralogie, bestehend aus drei Tragödien und einer Komödie, aufführen. Genau so, wie man das hier, am Fuße der Akropolis, vor 2500 Jahren gemacht hatte.
1940 also, vor 62 Jahren, begann mein Traum. Es klingt vielleicht unglaublich, aber als ich anfing, zu komponieren - am Anfang einfache Lieder, später Kammermusik, sinfonische Werke und Oratorien -, hatte ich ständig diesen Traum von der Tetralogie. Ich wünschte mir, allmählich über die Inspiration und die Mittel zu verfügen, dass ich einmal das Privileg haben würde, am selben Ort wie meine Vorfahren die Tetralogie aufzuführen. Eigentlich ist das nicht machbar, es ist also ein Traum. Allein schon die Aufführung einer Oper, einer lyrischen Tragödie, ist ein großes Vorhaben. Aber alle vier Opern zusammen aufzuführen, ist allein schon deshalb nahezu unmöglich, weil man dafür sehr viel Geld und andere Mittel braucht.
War es Zufall, dass der erste Auftrag, den ich als Komponist erhielt, ausgerechnet die Ballettmusik für Antigone war, also die Musik für eine antike Tragödie? Er kam 1957 für eine Aufführung im Londoner Covent Garden. Heute glaube ich, es war ein Zeichen. Ein Zeichen, dass mein Traum doch in Erfüllung gehen könnte.
Ein paar Jahre später lud mich der griechische Regisseur Michalis Kakojannis ein, Musik für seine Filmtrilogie zu komponieren. Es waren die Filme Elektra, Troerinnen und Iphigenie. Auch das brachte mich meiner Tetralogie näher; genau wie meine Arbeit für das griechische Nationaltheater, für das ich seit 1960 die Bühnenmusik fast aller antiken Tragödien und Komödien komponierte.
Die Vertonung von Dichtung ist das, was mich als Komponisten charakterisiert. Bei all meinen sinfonischen und metasinfonischen Werken habe ich große griechische Dichter vertont. Für mich waren das wichtige Übungen für die antiken Werke.
Über die Jahre habe ich so eine ganze Klangwelt geschaffen. Die einzelnen Stücke sind dabei nicht allein stehend, sondern immer auch Elemente eines anderen Werkes - ein Motiv, ein Rhythmus, eine Melodie, ein Akkord tauchen nach Jahren wieder auf. Zeichnete man all meine Werke auf einem Blatt Papier nach, gleich einer Komposition und verbände sie mit einem Bleistiftstrich, bildeten sie ein Firmament - wie ein Sternenbild.
Vor ein paar Jahren habe ich mein privates Archiv - mehr als 100 000 Manuskriptseiten - dem Athener Konzerthaus übergeben. Dort wird gerade die Musikbibliothek aufgebaut. Darin wird es einen meinem Werk gewidmeten Saal geben. Hier soll das vergrößerte Sternenbild einmal hängen. Heute weiß ich: Jeder einzelne Stern hat seinen Teil dazu beigetragen, dass mein großer Traum bald Wirklichkeit wird!
Im nächsten Jahr schon, nach 63 Jahren! Vor ein paar Monaten wurde es beschlossen: Meine Tetralogie wird im Rahmen der Kulturolympiade zur Vorbereitung der Olympischen Spiele von 2004 aufgeführt. In zwei antiken Theatern, die ich sehr liebe: im Herodes-Attikus-Theater am Fuße der Akropolis und im Epidaurus-Theater.
Dort, im Epidaurus-Theater, habe ich im vergangenen Sommer zum ersten Mal eines meiner Werke aufführen können, das Oratorium Axion Esti. Und glauben Sie mir, ich werde es nie vergessen! Denn das Epidaurus ist nicht nur ein Theater, es ist ein Ideal. Nach dem Konzert habe ich gesagt, dass ich nie wieder eine Bühne betreten werde, weil es meiner Ansicht nach nichts Bedeutenderes mehr als dieses Konzert geben kann. Doch dann kam dieser Beschluss: die gesamte Tetralogie mit den Opern Medea, Elektra, Antigone und Lysistrata zusammengefaßt in einem Stück! Was mir das bedeutet, kann ich kaum in Worte fassen.
Als Jugendlicher hatte ich nicht die Bildung, die man in anderen europäischen Ländern genoss. Doch die Perfektion der Tragödie, des Parthenons und des Epidaurus-Theaters zogen mich wie ein Magnet in ihren Bann. Ich war überwältigt von der perfekten mathematischen Relation dieser Werke, die uns die universale Harmonie näher bringen.
Später kämpfte ich dann für meine politischen Ideale, setzte mich für meine Heimat und für die Demokratie ein und wurde dafür eingekerkert. Das alles war jedoch für meinen Lebensweg nicht so bedeutend wie die Musik. Der eigentliche Sinn und Zweck war es, wie ein kleiner Gott meinen eigenen musikalischen Kosmos zu schaffen, egal ob daraus etwas Wichtiges werden wird oder nicht. Das hatte für mich immer den größeren Wert.
Das weiß ich heute, mit 76. Und ich schätze mich sehr glücklich, zu einem der wenigen Menschen zu gehören, die miterleben dürfen, wie ihr größter Traum sich verwirklicht.
Von Eberhard Schade (Aufzeichnung für "Die Zeit", 19.07.2002)
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