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01.05.04: Interview zu Zypern




Nach dem Ergebnis des Volksentscheids und dem Eintritt der griechischen Zyprioten in die EU, am 1. Mai 2004, hat das türkische politische Wochenmagazin AYDINLIK Mikis Theodorakis interviewt.

Untenstehend eine Übersetzung dieses Interviews, die wir mit freundlicher Erlaubnis von AYDINLIK und Mikis Theodorakis (©) veröffentlichen.

Frage: Sie haben gesagt, daß der Annan-Plan ein amerikanischer Plan ist. Warum haben Sie "NEIN" zu diesem Plan gesagt? Was will, Ihrer Meinung nach, die amerikanische Regierung tun?

M. Th.: Während der drei letzten Jahrzehnte hat die Regierung der USA sich nicht im geringsten besorgt über die Zypernfrage gezeigt. Wie sollen wir daher die plötzliche Mobilisierung des Präsidenten der USA, des Chefs des "State Department" und auch der enormen amerikanischen Maschine zur Einflussnahme zugunsten des Annan-Plans interpretieren? Und dieser Plan, was ist er schließlich? Wurde er nicht von den Engländern in Zusammenarbeit mit amerikanischen Offiziellen ausgearbeitet? Welches waren ihre Zielsetzungen? Meiner Meinung nach hat dieser Plan drei Hauptziele:

Erstens: die Aufrechterhaltung der englischen Militärstützpunkte

Zweitens: die Errichtung eines gewaltigen amerikanischen Militärstützpunktes und

Drittens: das Aufzwingen einer Staatsform, die die Teilung der zwei Gemeinschaften gewährleisten und die verstärkte Schiedsrichterrolle der drei ausländischen Richter, die die Hauptmacht ausübten, unumgänglich machen würde.

Ich kann nicht anders als die Notlage ohnegleichen der anglo-amerikanischen Kreise zu kommentieren und alle jener in Europa, selbst in meiner Heimat, die auf der Seite der Amerikaner stehen und sich einsetzen, dass der Plan unverzüglich angewandt wird. Es ist offensichtlich, dass die Amerikaner sich beeilen müssen, diesen Super-Stützpunkt zu errichten, damit sie mit den Entwicklungen im Mittleren Osten aufholen können. Auf der einen Seite hat sich die Lage im Irak nicht so entwickelt, wie sie es vorgesehen hatten, und sie werden daher ihre Aggression mit allen Mitteln verstärken. Auf der anderen Seite vertieft Israel seine Pläne, die Palästinenser zu eliminieren. Dies wird sonder Zweifel weitere und gewalttätigere Reaktionen, hauptsächlich von Seiten Syriens, hervorrufen, ohne dafür Reaktionen der übrigen arabischen Nachbarländer auszuschließen. Die Schlüsselstellung Zyperns erlaubt unmittelbare militärische Interventionen ohne kostbaren Zeitverlust. So würde, meiner Meinung nach, jede Anwendung des Annan-Plans bedeuten, dass Zypern sich in einen höllischen Stützpunkt für eine Aggression verwandeln würde.

F.: Sie haben gesagt, daß der Annan-Plan nicht zum Frieden zwischen den beiden Nationen beitragen würde. Wer zerstört Ihnen zufolge den Frieden zwischen ihnen? Wie können wir den Frieden zwischen ihnen herstellen?

M. Th.: Betrachten die Dinge einmal genau von diesem Punkt aus, nach voren schauend, in die Zukunft. Was sehen wir dann?

Erstens: Zypern, in seiner Gesamtheit, ist Teil Europas.

Zweitens: Die türkischen Zyprioten sind somit potentielle Europäer.

Drittens: Was trennt heute die beiden Gemeinschaften (besonders nach den 65% an "JA"-Stimmen der türkischen Zyprioten)? Ist es die grüne Linie? Nein! Was heute die zwei Gemeinschaften vor allem teilt, ist, auf der einen Seite, der Unterschied des Lebensstandards und, auf der andere Seite, alles, was wir kurz formuliert, die "angewandten demokratischen Rechte" nennen.

Viertens: Folglich gehe ich, was den Lebensstandard betrifft, davon aus, dass die Europäer und die griechischen Zyprioten dazu beitragen müssen, dass die türkisch-zypriotische Wirtschaftslage sich verbessert und sich jeden Tag dem Niveau des griechisch-zypriotischen und europäischen Standards annähert.

Fünftens: Was die staatsbürgerlichen Rechte angeht und das Staatsmodell, das zur Anwendung kommen soll, warum lernen nicht alle aus den Beispielen Europas? Ein Regierung-Modell? NICHT die listigen und demütigend Kunstgriffe, die Sir David Haney vorlegt und die einen verrotteten Beigeschmack von den kolonialen Systemen haben; dafür aber die Systeme, die heute in Europa vorherrschen. Die Verfassung, die Gesetzgebung, die verschiedenen Rechte, alles besteht heute in dem Europa zu dem - man darf das nicht vergessen! - Zypern dazugehört, dauernd und endgültig. Nun aber können Sie sagen, dass zwei Gemeinschaften auf Zypern leben, deren Nationalitäten, Religionen und Sprachen verschieden sind. Gibt es aber nicht ähnliche Modelle in Europa? Belgien, zum Beispiel: Warum könnte dieses Land keine Modellrolle spielen?

Sechstens: Die Sicherheitsfrage. Haben Sie gewusst, dass es im Annan-Plan Zypern nicht gestattet ist, sich in den europäischen Verteidigungsmechanismus einzufügen und dass die Anwesenheit von europäischen Truppen auf Zypern ebenfalls verboten wird? Warum? Die englischen Streitkräfte und - später die der USA - sind die besser? Wir, jedenfalls, sind Europäer. Warum uns daher nicht Europa zuwenden für Verteidigungstruppen? Natürlich gibt es auch die UNO. Man sollte daher den Sicherheitsrat entscheiden lassen, Truppen zu schicken, bis die Furcht und die Unsicherheit ein für alle Male ausgemerzt sind. Danach können die Zyprioten selbst entscheiden, ihre eigene Armee zu haben, - was dem Annan-Plan zufolge gleichermaßen verboten ist.

Wie Sie vielleicht wissen, habe ich immer an die Reife der Völker geglaubt. Ich hoffe gleichermaßen, dass die Griechen heutzutage von ganzem Herzen wünschen, Seite an Seite mit den Türken in Frieden und Gerechtigkeit zu leben, ein Land neben den anderen, und zusammen ihr Schicksal aufzubauen und gemeinsam den Fortschritt und den Wohlstand zu suchen, ohne nach ausländischen Beschützern zu rufen.

F.: Warum ist die griechische Regierung während des Volksentscheid-Verfahrens so still geblieben?

M. Th.: Weil sie das Volk von Zypern sich über sein Leben und seine Zukunft selbst äußern lassen wollte, ohne es in seinem souveränen und freien Willenentscheid zu stören. Dieser hat in der Tat stattgefunden, weil das Volk die Linien der griechischen und zypriotischen Parteien (die vorher festgelegt waren) überschritten hat, indem es "NEIN" sagte.

F.: Was, denken Sie, hat H. Zülfü Livaneli Ihnen vorgeworfen?

M. Th.: Leider bin ich nicht über die genauen Erklärungen meines Freundes Zülfü Livaneli informiert worden. Aber ich bin sicher, dass wenn ich die Gelegenheit hätte, ihn zu treffen und ihm meine Stellung zu erläutern, er mit mir einverstanden wäre.

F.: Wie schätzen Sie das Ergebnis des Volksentscheids ein?

M. Th.: Nach dem "NEIN", ist der Annan-Plan gestorben und begraben, und jeder Versuch, ihn wiederzuerwecken, wird scheitern. Zypern ist Mitglied Europas und wird es bleiben. Die griechischen Zyprioten wünschen sich sehnlichst, ihre türkisch-zypriotischen Brüder wieder zu finden, und jeder einzelne sagt: "Wir wollen eine Lösung. Wir wollen die Einheit. Wir wollen zusammen unser gemeinsames Haus bauen."

Darum müssen jene unter uns, die wirklich unsere zypriotischen Brüder lieben, dazu beizutragen, diese Vision in die Wirklichkeit zu verwandeln. Und daher ist es erforderlich, dass:

Erstens: Zypern sich befreit aus der tödlichen "Umarmung" der Großmächte, die nichts anderes vorhaben als Krieg und Verwüstung, und

Zweitens: wir Nutzen ziehen aus diesem sehr positiven geschichtlichen Geschehen, dass Zypern Mitglied der EU ist, und wir ihm mit allen unseren Kräften helfen, eine gerechte Lösung zu finden, gemäß den genauen Richtlinien von Prinzipien, Regeln und Praxen, die in den Ländern Europa bestimmend sind.

Athen, 2. 5. 2004

Deutsche Übersetzung: © Guy Wagner



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