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23.10.00: Theodorakis im Lincoln Center





Umjubelter Mikis Theodorakis - Photo © Guy Wagner
Das war zu erwarten: Die symphonische und die lyrische Musik von Mikis Theodorakis offerbart sich erst in ihrer ganzen Pracht, wenn sie von einem exzellenten Orchester und einem großen Dirigenten interpretiert werden. Dies war der Fall im «Lincoln Center» in New York, genauer gesagt im Avery Fisher Saal, dank der Chöre und des Symphonieorchesters von Montreal und ihres Chefdirigenten, Charles Dutoit, am 23. Oktober 2000.



Das Konzert wurde zu einer außergewöhnlichen Hommage an Theodorakis im Rahmen der Feierlichkeiten zu seinem 75. Geburtstag, zu einer Ehrung, die die Erwartungen all jener übertraf, die den berühmten Saal bis zum letzten Platz füllten.

Das Ereignis war veranstaltet von der «North American Foundation for Modem Greek Arts», deren Vorsitzender ein außergewöhnlicher Mensch ist: Costas Spiliadis, ein der griechischen Kultur ergebener Mann, ein echter Freund von Mikis Theodorakis und Charles Dutoit.

Er hat alles möglich gemacht. Dafür sei ihm gedankt, denn was er verwirklicht hat, ist ein bedeutender Augenblick in der Förderung der Musik von Theodorakis. Dutoit und das OSM schufen einen Meilenstein in der Interpretation dieser Musik. Der Dirigent Charles Dutoit, dessen Sinn für instrumentale Farben und orchestrales Raffinement uns einige der besten CDs überhaupt geschenkt hat, – es sein hier nur an seine legendäre Version von «Daphnis et Chloé» (Ravel) und an seine Referenz-Interpretation von «Pelléas et Mélisande» (Debussy) erinnert! – hat die Musik des griechischen Komponisten verstanden. Er hat ihre Klangvielfalt und ihre rhythmische Differenzierung aufgeschlüsselt. So vermochte er, das musikalisch so feine Gewebe des «Adagio» (für die Opfer des Bosnienkrieges) vor den Hörern auszubreiten, und dieses «Adagio» hat die Chance, so bekannt und beliebt zu werden wie die von Albinoni und Samuel Barber, vor allem, wenn es so intensiv auf der Flöte und auf der Solo-Trompete «gesungen» wird wie hier von Tim Hutchins und von Paul Merkelo, und wenn der Klangteppich, auf dem es fußt, so fein gesponnen ist, wie der von Charles Dutoit und seinen Musikern.

Zuvor war die erste Darbietung der Chöre aus Montreal, bestehend aus 125 Sängerinnen und Sänger, erklungen, die einen starken Eindruck mit ihrer Deutung der drei Oden aus dem «Canto Olympico», hinterließen. Sie sangen sie mit unwiderstehlichem Elan und Enthusiasmus. Die erste kraftvolle und engagierte Intervention des Tenors Howard Haskin, trug ebenfalls zum starken Eindruck der Einleitung zu einen brillanten Musikabends bei.

Der große Augenblick im ersten Teil des Konzertes war aber das Finale zur Oper «Antigone», 1999 in Athen uraufgeführt. In der vierten und fünften Szene der lyrischen Musiktragödie, die das Schicksal der Heldin bestimmen, die stirbt, weil sie das göttliche Gesetz über das menschliche stellte, vermeidet Theodorakis jeden «Effekt» in seiner sehr klaren Orchestrierung und in seinen Melodieflüssen, die – wie meist beim Komponisten – auch auf frühere Weisen und Melodien zurückgreifen. Charles Dutoit gelang es, eine ergreifend intensive Atmosphäre von verhaltenem Schmerz zu schaffen. Alles wurde reiner Liedfluss, alles wurde Gesang, Lyrismus, Expression, und das Schlußduo zwischen den lebend begrabenen Antigone und Haimon rief ganz selbstverständlich Erinnerungen an Verdis «Aida» wach.

Die amerikanische Sopranistin Alessandra Marc als Antigone war von erschütternder Intensität in ihren langen, gleichzeitig lyrischen und dramatischen Kantilenen. Sie verstand es, ihrer sowohl flexiblen und ausdrucksstarken, als kräftigen und dramatischen Stimme eine Vielzahl an Nuancen abzugewinnen und die Zuhörer zu Tränen zu rühren. Howard Haskin als Haimon wurde ihr zum idealen Partner. Hingegen konnte der junge vielversprechende, russische Bariton Petr Migounov als Kreon nicht so überzeugen wie in verschiedenen Einspielungen, die er für Theodorakis gemacht hat.

Nach der Pause sang Alessandra Marc die große Arie der «Medea», nach Euripides, der ersten der drei antiken Tragödien, die Theodorakis zu Opern umgestaltet hat, 1991. Auch hier berührte die Sängerin durch ihre expressive Intensität und ihren lyrisch eindringlichen Gesang, und wie zuvor, war die Begleitung von Charles Dutoit und seinen Orchestermusikern, sowie der von Iwan Edwards exzellent vorbereiteten Chöre, modellhaft in ihrer Feinfühligkeit und Expressivität.

Das denkwürdige Musikereignis schloss ab mit der wohl populärsten Musik von Theodorakis, der Suite aus dem Ballett «Zorba der Grieche», 1988 in Verona uraufgeführt. Charles Dutoit begeisterte das Publickum durch seine farbenreiche Interpretation, reich an rhythmischer Intensität und voll von jener inneren Pulsion, die «Zorba» seinen ganz einfach unwiderstehlichen Schwung verleiht. Dazu trugen die Sopranistin Mary-Ellen Nesi genau so bei wie die Bouzoukis von Costas Papadopoulos und Dimitrios Christodoulou, die wunderbaren Chöre ebenso wie das Orchester in Bestform, aber vor allem Maestro Dutoit, und man kann höchstens bedauern, dass einige typische Rhythmen der laischen Musik oder ein zerdehntes Tempo («O Dromos Ine Skotinos», Szene XVII) nicht ganz dem Geniestreich des Mikis Theodorakis entsprachen, der einen triumphalen Anklang beim jubelnden Publikum fand.

Es bleibt daher nur ein Wunsch: Dass die Aufnahme, die von diesem in jeder Hinsicht denkwürdigen Konzert gemacht wurde, veröffentlicht wird, damit das Glück des New-Yorker Publikum von Tausenden und Abertausenden geteilt werden kann.

© Guy Wagner 2000



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