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Kutulas im Gespräch mit Theodorakis in Ferropolis (16.7.2000)
Asteris Kutulas: Du wirst fünfundsiebzig. Was denkst du, wenn du dein bisheriges Leben Revue passieren läßt?

Mikis Theodorakis: Mein ganzes äußeres Leben, meine politischen und kulturellen Initiativen hatten nur einen Grund: Ich wollte einen Dialogpartner für meine Musik. Nach meiner Rückkehr aus Paris nach Athen 1960 begriff ich sehr schnell, dass ich, wenn ich als Komponist überleben wollte, ein Publikum brauchte, das meine Kompositionen aufnehmen und verarbeiten kann. Aber solch ein Publikum muss erst einmal in demokratischen Verhältnissen leben – und es muss seine elementaren Grundbedürfnisse befriedigt haben, Bildung, Gesundheitswesen, Meinungsfreiheit usw. Erst dann ist es frei und in der Lage, künstlerische Schöpfungen zu "konsumieren", überhaupt zu genießen. In Griechenland von 1960, und erst recht während der Juntazeit 1967 bis 1974, gab es diese Voraussetzungen nicht. Also war ich gezwungen – um meine kompositorischen Ambitionen verwirklichen zu können –, für die Durchsetzung der demokratischen Grundrechte in Griechenland einzutreten. Ich tat dies also aus rein egoistischen Gründen. Nicht aus ideologischen, nicht aus einem verkehrten Bewusstsein heraus. So ist auch zu erklären, warum ich in meiner "politischen Lautbahn" niemals parteipolitisch funktioniert habe. Ich war nun mal kein Berufspolitiker. Mich hat stets nur interessiert, welche politische Kraft in einem bestimmten historischen Augenblick die für Griechenland "progressivste" Rolle spielt. Und diese habe ich unterstützt, als griechischer Bürger, als Komponist.

A.K.: Was ich nicht richtig nachvollziehen konnte beim Lesen deiner Biographie ist, warum du 1960 Paris und damit eine sichere Karriere als sinfonischer Komponist aufgegeben hast. Du hattest dich mit mehreren Balletten in Paris, London und Stuttgart durchgesetzt, großen Erfolg mit Filmmusiken gehabt, von Schostakowitsch und Eisler einen ersten Preis für deine "Erste Suite" sowie von Darius Milhaud, Pablo Casals und Zoltán Kodály für dein sinfonisches Gesamtwerk erhalten, Benjamin Britten hatte sich in Interviews sehr lobend über deine Sinfonik geäußert usw., usf. – das alles schiebst du 1960 beiseite, kehrst nach Athen zurück und wendest dich dem griechischen Lied zu. Ich muss sagen, das ist zumindest sehr beeindruckend.

M.Th.: Ich habe meine Lautbahn Anfang 1940 als klassischer Komponist begonnen. Und zwar in der griechischen Provinz, wo es kein Orchester, Konzerte usw. gab. Für mich bedeutete damals die Beschäftigung mit der Sinfonik, genauso wie mit Schopenhauer, Nietzsche und Platon, eine Flucht aus einer mich bedrückenden Umwelt. Ich erinnere mich, wie ich 1942 während der deutschen Besatzung in einem Kino – während der Filmvorführung eines deutschen Musikfilms – zum ersten Mal ein sinfonisches Orchester hörte. Es spielte die 9. Beethovens. Nach diesem Ereignis wusste ich: Ich werde Komponist und genau solche Werke schreiben. Am nächsten Tag ging ich ins Gymnasium und erklärte meinen Lehrern, dass ich mich ab jetzt nur noch mit Musik beschäftigen würde, was ich auch tat.

Aber die geschichtlichen Ereignisse rissen uns alle mit, und ich machte in den nächsten Jahren bis 1950 Krieg, Illegalität, Bürgerkrieg und Verbannung durch. In dieser Zeit verlor ich viele Freunde und Kameraden; das Thema der "lebenden Toten" und des "heroischen Todes" hat mich seitdem nicht losgelassen. Diesen, meinen umgebrachten Freunden, hatte ich bis Ende der fünfziger Jahre fast mein gesamtes sinfonisches Werk gewidmet. Dann begegnete ich in Paris und London einem ganz anderen Publikum, das in die Konzerte kam.

Ich zog zur Premiere meines Antigone-Balletts, das 1959 im Covent Garden London von John Cranko inszeniert und von Beriosova und Nurejew getanzt wurde, zum ersten und letzten Mal in meinem Leben einen Frack an. Ich ging auf die Bühne, sah das Publikum applaudieren mit der Abendtoilette, alle Herren in Frack, und ich begriff, dass ich zu all diesen Leuten keinerlei Beziehung hatte, also packte ich meine Sachen und ging nach Griechenland. Und dann beschäftigte ich mich zwanzig Jahre lang, bis 1980, fast ausschließlich mit populärer Musik. Es war wie eine Befreiung, diese Rückkehr zu den Wurzeln.

A.K.: Du hast seit Ende der achtziger Jahre vier Opern geschrieben und scheinst dich nun endgültig vom politischen Tagesgeschehen in Griechenland verabschiedet zu haben.

M.Th.: Ja, ich habe mich von alledem abgewendet. Inzwischen habe ich einsehen müssen, dass meine Ideale nicht durchzusetzen sind. Vielleicht hätte ich diesen Schritt bereits vor fünf, zehn Jahren oder schon Ende der sechziger Jahre, als ich im Prinzip die ganze Entwicklung vorausgesehen habe, tun müssen. Aber ich bin nun mal ein Kreter. Und die Kreter sind starrköpfige Menschen. Ich habe genügend Lehrgeld bezahlt und meine Enttäuschungen mit allen möglichen Ismen gehabt. Es reicht. Ich glaube an gar keine Ismen mehr. Ich vertraue inzwischen, nachdem das Christentum und der Islam im Heiligen Offizium und in Chomeini mündeten, und nachdem die Idee des Kommunismus im totalitären Staat gipfelte, nur noch auf ein Prinzip: auf das alte griechische Prinzip der Demokratie. Es gibt nur den Kampf um Demokratie und Freiheit, nichts weiter. In diesem Sinne fühle ich mich als Überlebender einer inzwischen getöteten Linken. Außerdem beschäftige ich mich seit Anfang der achtziger Jahre wieder mit Sinfonik und seit 1985 mit der Oper – und so lebe ich zur Zeit in der Welt der Antike, der Medea, der Elektra und der Antigone. Dafür brauche ich sehr viel Zeit, von der ich nicht mehr so viel habe.

A.K.: Gibt es für dich ein "Zentrum" Deines Schaffens, deines Lebens?

M.Th.: Das Zentrum ist das GESETZ. Dieses GESETZ hoffe ich in meinem letzten Augenblick zu erkennen. Ich beeile mich nicht, zu sterben, ich weiß nicht ...Vielleicht werde ich als Molekül eins mit dem Zentrum des Alls.

A.K.: Du erwartest die Antwort auf die Frage: Warum dieser Weg aus dem Nichts ins Nichts, der uns Menschen bestimmt ist?

M.Th.: Ich glaube, wir bestehen aus Millionen von Molekülen. Mit unserem Tod gehen wir fort, und nach einer Theorie gehen alle diese Moleküle in den kosmischen Raum ein. Darum kehre ich auch so oft zum Familiengrab auf Kreta zurück. Weil zum Beispiel einige dieser Moleküle in die Blüten der Blumen, der Olive, des Orangenbaums eingegangen sein könnten, um so zu neuem Saft zu werden. Wir essen eine Orange von einem Baum in der Nähe des Friedhofs, und wir essen etwas von unseren Vorfahren, von der Substanz unserer Vorfahren, ohne es zu wissen. Oder atmen sie ein ... Es sind Moleküle, unsichtbar zwar, aber lebendig. Die Materie ist etwas Unfassbares.

Ich hatte einst einen Traum, in dem mich das Zentrum des Alls, also das GESETZ, fragte: "Ich kann die Milliarden Moleküle eines Menschen, die in allen Galaxien verstreut herumschweben, zusammensuchen und sie dir bringen, um sie dir einzupflanzen. Also dieser Mensch wäre dann ganz in dir drin. Wen möchtest du haben?" Ich antwortete: "Beethoven". Ich kann nicht wissen, ob mir das GESETZ diesen Gefallen getan und für mich die Milliarden Moleküle von Beethoven zusammengesucht hat. Wenn die in mir drin sein sollten, wird sich das irgendwie manifestieren. Ich weiß nicht wie, aber ein solches Zusammensein würde mich trunken machen.


© Asteris Koutoulas, 2000



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