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REDE ZUM FILM "RECYCLING MEDEA"






Plakat Medea



Die Ägäis ist ein besonderes Meer, dessen Wellen schnell heranrollen und kurz aufeinander folgen. Wenn man nicht das geeignete Boot hat und nicht die nötige Erfahrung, kentert man leicht und ertrinkt.

Genau so verhält es sich mit den Ereignissen - das heißt, mit den Wellen, die das Leben in Griechenland schlägt. Auch diese folgen schnell aufeinander, und sie stoßen vieles um. Den einen Tag heben sie dich hoch zum Himmel, am nächsten Tag lassen sie dich in den Tartaros stürzen.

So lernte das griechische Volk seit der Antike diese Lektion: dass man den einen Tag überglücklich vor Freude sein kann und schon am nächsten verzweifelt um sein Leben ringt, während man rettungslos ertrinkt.

Als Euripides „Medea“ schrieb, waren die Griechen in den Tartaros eines Bürgerkriegs geraten: des Peloponnesischen Krieges. Was wollte Euripides den Athenern damals bedeuten, als er ihnen vor Augen führte, dass eine Barbarin ihre Kinder schlachtet, um sich am untreuen Ehemann zu rächen, dem machtbesessenen Jason?

Welche sind die Machtbesessenen von heute? Welche sind jetzt die Barbaren, die ihre Kinder töten? Und welche Lehren lassen sich wohl aus dieser Geschichte ziehen?

Natürlich ist die Handlung der griechischen „Medea“-Tragödie keine simple Kriminalstory; die Ereignisse widerspiegeln hier nicht das gewöhnliche Alltagsleben, und die Hauptakteure sind keine Anwärter auf die Psychiatrie, die wegen ihrer Neurosen eingewiesen werden müssten. Die Gesetze, die den Fortgang der Handlung bestimmen, sind keine von Menschen gemachten Gesetze, sondern es sind Gesetze der Götter. Das heißt, ewig gültige Gesetzmäßigkeiten – Ausdruck des abgrundtiefen Mysteriums der Schöpfung. Selbst unter tausend Journalisten von heute wird sich nicht einer finden, der, was das Verständnis dieser Vorgänge anbelangt, an „Euripides’ kleinen Finger heranreichen“ könnte.

Und wir, die „kleinen und armen“, die unbedeutenden Griechen, flüchten uns in diesem Moment zu Euripides, um den Machtbesessenen unserer Tage zu vergegenwärtigen, dass ihre Gesetze trockenen Laubblättern gleichen, toten Blättern vor dem Sturm der Geschichte, der sie in den Abyssus, den Abgrund des Nichts fegen wird.

Ich schrieb weiter oben, dass die Griechen gelernt haben, sich zu freuen und zu leiden, zu feiern und zu trauern, in ununterbrochener Wiederholung, Tausende von Jahren.

Damals, nachdem der Peloponnesische Krieg beendet war, hatten die siegreichen, machtbesessenen Spartaner ihr Lager außerhalb Athens aufgeschlagen. In einem der Zelte waren alle Heerführer um den König von Sparta versammelt, das Ende von Athen zu beschließen. Einige wollten Athen niederbrennen und andere Athen vollkommen zerstören lassen, bis auf die Grundmauern der Tempel und aller anderen Gebäude.

In genau diesem kritischen Augenblick sang ein Wachmann draußen vor dem Zelt - ein Chorlied aus der Tragödie des Euripides. Im Zelt trat Stille ein. Als das Lied verklungen war, sagte der überragende, machtbesessene, siegreiche König von Sparta: „Wie könnten wir eine Stadt dem Erdboden gleichmachen, die so großartige Dichter hervorbringt ...!“

So wurde Athen gerettet. Durch ein Lied ...

Nichts anderes ist das, was wir heute mit Euripides’ Hilfe wagen, denn in der Tiefe all dessen, was Sie heute sehen und hören werden, erklingt die Stimme dieses Wachmanns, der das Chorlied des großen Dichters singt, das an die Seelen der Machtbesessenen rührte, sie umstimmen konnte und sie schließlich dazu brachte, den Klang jener ewiggültigen Gesetze zu vernehmen, die von den Urgründen des Mysteriums des Lebens zeugen, aus denen sie sich speisen. Diese Machtbesessenen aus Sparta entschieden sich gegen das finstere Chaos und für das helle Leuchten der Harmonie.

Das war es, was mich dazu brachte, „Medea“ zu komponieren. Meine Intention war, musikalisch das Wesen dieses Werks von Euripides erfassen zu wollen.

Und von dieser Warte aus betrachte und beurteile ich sowohl die Choreographie von Renato Zanella als auch die Regiearbeit von Asteris Kutulas. Nicht wir brachten Medea auf den Syndagma-Platz, sondern die Ereignisse.

Heute ist Griechenland das Opfer eines neuen Krieges, der das Land abermals in den Tartaros gestürzt hat. Unser Volk leidet wieder. Wieder freuen sich die Machtbesessenen, und sie hören nicht auf, uns mit ihrem Sarkasmus zu überschütten. Sie ernähren sich von unserem Unglück. Medea ging ganz allein zum Syndagma-Platz, hin zum Omphalos, zum Nabel dieser, unserer neueren Geschichte, und bald wird Medeas stolzer Blick DIESE treffen: all die Machtbesessenen. Nicht nur Medeas Blick. Sondern der aller Menschen. Aller Völker. Er wird vor allem diejenigen treffen, die jetzt noch nicht wissen, nicht ahnen, dass die Stürme der Geschichte sie wie dürre Blätter vor sich her treiben und hinein fegen werden in den Abyssus, den Abgrund des Nichts.

Mit diesem Film werden Sie das Ergebnis der Zusammenarbeit von Künstlern, Schauspielern und Technikern aus ganz Europa sehen. Des Italieners Renato Zanella, der Deutschen Bella Oelmann, Ina Kutulas, Klaus Salge und Babette Rosenbaum, der russischen Solisten, Musiker und Choristen der Staatskapelle Sankt Petersburg und schließlich der Griechen: des Regisseurs Asteris Kutulas, des Kameramanns Michalis Geranios, des Komponisten und Dirigenten Mikis Theodorakis, der jetzt hier zu Ihnen spricht, und vor allem des Bedeutendsten von allen, desjenigen, der Medea erschaffen hat: Euripides.

Ohne den Anteil aller anderen geringschätzen zu wollen - vor allem nicht den des herausragenden italienischen Choreographen Renato Zanella -, ist das „Medea“-Werk, welches Sie heute sehen werden, für mich ein griechisches Kunstwerk. Nicht, weil ich mich als Grieche in den Vordergrund drängen will, sondern weil wir es als dringend notwendig erachten, der internationalen Öffentlichkeit auf einer hohen sowohl künstlerischen als auch moralischen und geistigen Ebene eine Antwort zu geben, eine Entgegnung auf die inakzeptablen Herabwürdigungen, die sich unser Land von den allgemein bekannten ökonomisches Raubrittern gefallen lassen muss, die unser Volk peinigen und danach trachten, es zu vernichten.

Es ist so, als würden wir erwidern: „Vergebens versucht Ihr, das Ansehen Griechenlands zu beschädigen. Unser geistig kulturelles Erbe, das seit der Epoche des Euripides bis heute weitergegeben wurde - es ist der Felsen, an dem die Wellen der Verleumdung, die gegen unser Land anbranden, brechen werden.“

Diese Medea, die Sie sehen werden - sie ist das heutige Griechenland.

Deshalb möchte ich Ihre besondere Aufmerksamkeit vor allem auch auf die letzten zehn Minuten des Films lenken. Auf den Augenblick, da die Medea tanzende Maria Kousouni, der Choreographie Renato Zanellas folgend, zu einer herausragenden Interpretin unserer Zeit wird und gleichzeitig zu einem Idol, das für das heutige Griechenland steht, eine Medea, die derart brutale Schicksalsschläge zu ertragen hat. Sehen Sie sich diese starke Szene an, in der Medea fassungslos schreit. Danach folgt die Kreuzigung. Medea versucht, sich aufrecht zu halten. Sie stürzt immer wieder zu Boden, doch ganz am Schluss setzt sie sich erhobenen Hauptes auf das Boot, die „Argo“, Symbol ihrer Leids. Medea richtet sich stolz auf. Langsam wendet sie uns ihr Gesicht zu und schaut mit all ihrer Kraft der Selbstbehauptung Feinde und Freunde an, als würde sie sagen: „Ich bin.“ Unbeschädigt in ihrer Würde. Siegerin über die Zeit. „Ich bin, bin Griechenland!“

© Mikis Theodorakis
Athen, 20.6.2013

Rede von Mikis Theodorakis zur Welt-Premiere des Films "Recycling Medea" am 20.6.2013