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Theodorakis' Interpreten






Arja Saijonmaa





Die Lieder und Gesänge - aber auch die Opern und symphonischen Werke von Theodorakis werden getragen von ihren Interpreten. Hier wollen wir uns konzentrieren auf die der Lieder. Man darf behaupten, daß der Komponist immer eine glückliche Hand in der Auswahl seiner Sänger und Musiker hatte. Er weiß genau, wie er sie einsetzt und was sie geben müssen.

Schon die Wahl von Grigoris Bithikotsis hat dies bewiesen. Bithikotsis verkörpert durch seine Stimme, seine Art, die Melodien anzugehen und die Wörter zu artikulieren die ganze Lebenserfahrung die im rebetischen Gesang ausgedrückt wird. Das ist kein Schöngesang, eher ein singendes Sprechen, ein sprechendes Singen aus dem Bewußtsein um eine Lebenshaltung heraus. Gefühle werden unterschwellig artikuliert, werden hinausgestoßen, Worte werden zu Schreien. Die Stimme von Bithikotsis ist kantig, kernig, zum Teil rauh und heiser. Aus diesem Gesang erwächst aber ein so unmittelbares »Feeling«, daß man sich ihrer Intensität nicht entziehen kann. Alle anderen Sänger sehen Bithikotsis daher als ihren geistigen Vater an.

Zur ersten Generation der Theodorakis-Interpreten gehören ebenfalls Mary Linda und Dora Giannakopoulou. Beide haben ein helles Timbre, singen schwerlos und verstehen es, die Vokale einzufärben. Giannakopoulou wäre zweifellos eine der besten Theodorakis-Sängerinnen, wenn ihr Schauspieltalent nicht manchmal mit ihr durchginge und sie dann zu pathetisch sänge. Ihre Interpretation der »Mikres Kyklades« aber gehört zu den schönsten Aufnahmen der ganzen Theodorakis-Diskographie.

Eine zweite Generation schließt sich fast nahtlos an und macht ihr Debüt, während die Protagonisten der Musik des Komponisten auf dem Höhepunkt ihres Schaffens angekommen sind.

Zu dieser Generation zählen Andonis Kaloyannis und Maria Farantouri, die Theodorakis 1964 entdeckt und ein Jahr später im »Mauthausen«-Zyklus erstmals vorstellt. Kaloyannis' Stimme ist abgerundeter, sonorer, fülliger als die von Bithikotsis, sein Timbre ist geschmeidiger. Zwar bleibt Bithikotsis für die rebetischen Werke von Theodorakis unschlagbar, für die Lieder mit starker politischer Aussage aber ist Kaloyannis ein idealer Sänger.

Maria Farantouri ist die größte Interpretin von Theodorakis. Ihre herrliche Mezzostimme, die bis vor ein paar Jahren in allen Lagen gleich abgerundet und schön klang und jetzt eine neue Fülle und Ausdruckskraft gefunden hat, ist von solcher Intensität und von so ergreifender Natürlichkeit dazu, daß die Melodien sozusagen erst in ihren Interpretation zu entstehen scheinen.
Das schönste Lob für die außergewöhnliche Künstlerin, die sich, wie Theodorakis selbst, auch für eine Aussöhnung zwischen Griechenland und der Türkei einsetzt und ebenfalls eine ideale Interpretin für die Musik von Zülfü Livaneli ist, stammt wohl vom früheren französischen Staatspräsidenten François Mitterrand und soll hier angeführt werden: »Maria ist für mich Griechenland. Ich stelle mir Hera so vor, stark, rein, wachsam. Ich kenne keine Künstlerin, die mir so stark den Sinn des Wortes >sublim< geschenkt hat.«

Maria Farantouri, Kaloyannis und Dora Giannakopoulou verließen Griechenland, als die Obristen die Macht ergriffen, und wurden zu wandernden Botschaftern für den Komponisten in Europa und Übersee. Zu ihnen kam 1970 Maria Dimitriadou hinzu, die eine sehr füllige Stimme mit reichen Möglichkeiten besitzt, aber die Tendenz hat, die Vokale so zu färben, daß ihr Gesang manchmal zu dramatisch wirkt. Aphroditi Manou, die bei der zweiten Welttournee von Theodorakis im Exil dabei war, hat eine helle, scharfe Sopranstimme, die ihrem Gesang etwas Agressives gibt. Ein bedeutender Theodorakis-Darsteller seit Anfang der siebziger Jahren ist Petros Pandis. Von den männlichen Sängern hat er neben George Dalaras die schönste und abgerundetste Stimme, was ihn in den ersten Jahren seiner Tätigkeit manchmal zu Schöngesang verleitet hat. Er hat sehr an seinen Interpretationen gearbeitet. Heute gehört er durch seine kluge Stimmführung und seine auszeichnete Diktion in die vorderste Reihe der Theodorakis- Interpreten.

Erfreulich ist, daß die großen »Stars« des Films und der populären Musik in Griechenland, die schon zu Institutionen gewordenen Irene Papas, Angélique Ionatos, Stelios Katzanzidis, Vassilis Papakonstantinou, Manolis Mitsias und Dalaras, sich den Liedern von Theodorakis zugewandt haben und dadurch deutlich machen, daß sie über die Zeit hinaus gültig bleiben. Zu dieser dritten Generation von Interpreten zählen auch Giannis Thomopoulos und Tassos Moraitis.

Sophia Michailidou singt sehr intensiv und engagiert, bekommt immer mehr Ausstrahlung, vor allem, weil sie in den letzten Jahren intensiv an sich weitergearbeitet hat, wie ihr intensiver Vortrag im »Zorba«-Ballett deutlich gemacht hat. Ähnliches gilt für Aliki Kayaloglou. Eine der bedeutendsten Entdeckung von Theodorakis war Ende der siebziger Jahre, Margarita Zorbala. Ihr Mezzotimbre hat Wärme und Intensität, ihre Modulationsfähigkeit ist bewundernswert. Ihre würdige Nachfolgerin ist Dimitra Ghalani, der wir eine schöne Aufnahme von »Cheretismi« (Grüße) verdanken. Hervorragend sind auch Nena Venetsanou und Ioanna Forti.

Große Beachtung verdient auch die Tatsache, daß sich »klassische Sängerinnen« wie die herausragende Opernsängerin Agnes Baltsa und die Liedgestalterin Lila Adamaki für die Musik von Theodorakis einsetzen und ihr so in Kreisen, in denen sie bisher noch wenig Resonanz gefunden hat, Gehör verschaffen.

Erwähnt werden sollen auch Georg Kapernaros, ein Sänger der ersten Stunde, den man in den letzten Jahren aber kaum noch gehört hat, Vassilis Papakonstantinou, sowie Katarina Candolidou mit ihrer zarten, leichten Stimme.

Hinzuweisen ist auf einige nicht-griechische Interpreten, die Botschafter der griechischen Musik in ihren Ländem wurden. Da gilt es, die Sänger aus dem hohen Norden zu nennen: Sven Bertil Taube, mit seiner reifen, fülligen Stimme und seinem großen Gestaltungsvermögen, Lena Granhagen und Cristina Cünne mit ihrem dunklen, metallenen Timbre.

Vor allem aber ist Arja Saijonmaa hervorzuheben, »die treueste meiner Sängerinnen, die von Anfang an an mein Werk geglaubt und Apostel für meine Lieder in Skandinavien war, und sogar ein eigenes Orchester gegründet hat, um auch die schwierigsten Partituren bekanntzumachen.« (Theodorakis) In der Tat ist diese Künstlerin eine herrliche Musikerin, die mit ungewöhnlicher Intensität den Texten der Lieder Relief gibt und sich auch weiterhin für das neue Liedschaffen von Theodorakis einsetzt.

Erwähnen muß man sodann die Holländerin Lisbeth List, die mit ihrer Aufnahme von »Mauthausen« und »Die Geisel« eine Goldene Schallplatte errungen hat, sowie Angélique Ionatos (»Mia Thalassa«).und die Katalanin Maria del Mar , des weiteren die Italienerinnen Iva Zanicchi und die berühmte Milva mit ihrer Schallplatte: »Von Tag zu Tag«. Leider sind die Textadaptationen von Woitkewitsch aber derart weit von den originalen Texten entfernt, daß man schon von einer Entfremdung oder gar Enteignung sprechen muß.

Als Theodorakis-Kenner hohen Ranges haben sich in den letzten Jahren drei Klavierinterpret(inn)en: Cyprien Katsaris, Elena Mouzalas, Tatiana Papageorghiou und Danae Kara, sowie der deutsche Pianist Gerhard Folkerts gezeigt. Ihr Verdienst um die pianistische Musik des Komponisten kann nicht hoch genug gewertet werden. Nicht vergessen werden sollen hier die deutschen Musiker, die mehr als ein Jahrzehnt lang, Theodorakis und Maria Farantouri auf ihren Tourneen hervorragend begleitet haben: Henning Schmiedt, Volker Schlott, Jens Naumilkat, Yannis und Thanassis Zotos... Bemerkenswert ist auch der Gitarrist Rainer Rohloff, sowie der Cellist Johannes Moser. Der weltbekannte Gitarrist John Williams hat sich besonders der Epitaphios angenommen

Gleiches gilt für den Einsatz von international hochgeschätzten Dirigenten wie Dimitri Chorafas, Dimitri Kitaenko, Herbert Kegel, Heinz Rögner, Christian Hauschild, Alexandre Myrat, Pierre Cao (der mit dem RTL-Orchester die bisher beste Interpretation der Ersten Sinfonie geboten hat), Bramwell Tovey (2. Symphonie mit dem OPL in Athen), Andreas Pylarinos und vor allem Loukas Karytinos, der ausgezeichnete griechische Dirigent, der sozusagen, die »rechte Hand« von Theodorakis wurde. Erwähnt sei, daß die »Elektra«-Uraufführung dem jungen Dirigenten José Maria Florencio jr., der das Musikprogramm zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Barcelona leitete, anvertraut wurde. Große Verdienste um die Verbreitung der Musik von Theodorakis hat sich auch Alexandros Karozas gemacht, so wie die Bouzouki-Spieler: Lefteris Papadopoulos, Lakis Karnezis, Dimitri Christodoulou. Großen Erfolg errang ebenfalls der Klarinettist Vassilis Saleas.

Schließlich gilt es ebenfalls die Bemühungen von Theodorakis' Tochter Margarita zu unterstreichen, die mit der Gründung des Popular Orchestra Mikis Theodorakis den Pioniergeist der 60er Jahre wieder wachzurufen.

Man kann aber nicht von den Interpreten des Komponisten reden, ohne Theodorakis selbst zu erwähnen. Er versteht es hervorragend, seine großen sinfonischen und metasinfonischen Kompositionen zu strukturieren und ihre Intensität herauszustellen, ob mit den griechischen Orchestern, denen er vorsteht, den Dresdnern (»Axion Esti«) oder dem Luxemburger Rundfunk-Sinfonieorchester (Zweite Sinfonie; Klavierkonzert mit Cyprien Katsaris). Was nun die Darstellung seiner Lieder durch ihn selbst angeht, so besteht als bleibende Dokumente: »Theodorakis sings Theodorakis«,, »First Songs«,»Resistance«, (Intuition Records)

Schön ist sein Gesang nicht zu nennen, seine Kompositionen sind ja auch kein Schöngesang; seine Stimme aber lebt, schreit eine Wahrheit, stöhnt eine Musik, stampft Wörter aus der Kehle, singt eine Überzeugung und wird zur Bestätigung dieser Überzeugung, die hinter den Wörtern steht und sie zu Musik gemacht hat.

Guy Wagner
Dieser Überblick erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit





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