Sie befinden sich hier News 2010

PERSÖNLICHE WÜRDIGUNG





Mikis Theodorakis (GW)
Zwei Seelen…


Zwei Seelen, nein, nicht „ach!“, sondern: So ist es nun einmal bei Mikis Theodorakis. Er lebt durch die Spannung der beiden Seelen, die in ihm wohnen. Diese Spannung hat ihn zu dem gemacht, was er ist.








Eigentlich hätte er in der Abgeschiedenheit leben wollen, umgeben von einem kleinen, treuen Kreis von Freunden, die ihn lieben und an ihn glauben. Schon früh, als der schüchterne junge Mann in der Pubertät derart hochschoss, dass er zum Gespött der anderen wurde, hat er diesem Drang zur Flucht aus der Öffentlichkeit nachgegeben und sich in sich selbst verkrochen, um sein inneres Wesen zu erforschen.

Dieses Innerste entäußert sich in einer kaum fasslichen und schon gar nicht nachvollziehbaren Sensibilität, die seismographisch auf jede Erschütterung reagiert und versucht, sie für das eigene Bestehen, sogar Überleben, zu verwandeln in Musik, Text, Gedicht, Aphorismus, provokative Äußerung.

Zugleich ist das Provokative aber auch eine Spannfeder, die Theodorakis immer wieder aus der selbst gewollten Isolation oder dem selbst gewählten Exil heraus getrieben hat, so dass er urplötzlich riesengroß, unübersehbar im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stand, denn Theodorakis fokalisiert.

Und so wurde er zu einer zentralen Gestalt der neueren griechischen Geschichte.

Er, der im Grunde ausschließlich sein Innerstes zum Klingen bringen wollte, wurde zum Leitstern in schwierigen Zeiten, zur Galionsfigur einer „anderen“ Linken, zum Herold, der seine Landsleute aufforderte, das Haupt zu erheben, statt den Buckel hinzuhalten – und dafür hat er komponiert. Das Komponieren wurde seine erste, wenn auch nicht einzige Möglichkeit, das zu vermitteln, was ihm innerstes Anliegen war und was ihm zugleich ganz persönliche Verantwortung zu sein schien.
Wissend, wie stark sein Drang nach Rückzug in sich selbst immer gewesen ist, hat er es, mit sich selbst ringend, zu seiner Verpflichtung gemacht, das Gesetz der universellen Harmonie zu seiner Ethik zu erheben und sich für die „Polis“ einzusetzen.

Er hat es stets als seine Schuld und Pflicht („To Chreos“) angesehen, das an die Gemeinschaft weiterzugeben, was ihm an Fähigkeiten in die Wiege gelegt worden war, um dieser Gemeinschaft das Gefühl von Zusammengehörigkeit zu vermitteln und ihr das Bewusstsein von Würde, Größe und Stärke zu verleihen.

Ein universeller Mensch

Genau das war es, was aus Theodorakis den universellen Menschen und Künstler gemacht hat, der er ist. Seine Botschaft, die er jahrzehntelang in die Welt hinausgetragen hat, wurde überall verstanden: Hinter dem damaligen, so genannten „eisernen Vorhang“ war sie eine Stimme der Hoffnung, in unseren Breiten ein Ausdruck des Engagements und der Brüderlichkeit, und für die faschistischen Obristen eine Bedrohung, die in der Tat stärker war als Panzer, wie Theodorakis selbst – nicht ohne Stolz – erklärt hat.

Nun, mit 85 Jahren, scheint es, hat der andere, der auf sich zurückgezogene Theodorakis endgültig die Oberhand gewonnen über den, der zum Verkünder einer freieren Welt wurde. Er, der so viel in seinem Leben getan und erschaffen hat, der so fleißig, methodisch, konsequent gearbeitet und der stunden-, tage-, wochenlang an einem Werk geschrieben hat, aber genau so spontan und in Kurzzeit unzählige Melodien skizzieren konnte, er möchte nun das Wundersame seiner Musik, die er hinaus in die Welt geschickt hat, Früchte tragen sehen, wie Schösslinge eines großen und zähen Baumes. Dass seine symphonischen Werke aufgeführt und gehört werden, daran liegt ihm derzeit am meisten.

Ich habe mehrmals das Glück gehabt, ihm beim Komponieren zusehen zu dürfen. „Er tut es mit minutiöser Genauigkeit. Note für Note setzt er mit feinem Bleistiftstrich auf die Linien, ein Schwerarbeiter, ein Präzisionsarbeiter“, schrieb ich dazu, und es wird klar, dass er dabei nicht nur seine zauberhaften Melodien hört, die so einzigartig sind wie die von Franz Schubert, sondern dass zugleich die ganze Instrumentierung einer Komposition ihm bereits bewusst ist, wenn er zu schreiben beginnt.

Nie hätte Theodorakis seine Arbeit als Komponist und zudem noch als Schriftsteller, Poet, Artikelschreiber und Kommentator leisten können, hätte er sich nicht eine rigorose Disziplin anerzogen, die mit einer fast pedantischen Pünktlichkeit einherging.

Die konsequenteste Unterstützung dabei bekam er von seiner Frau Myrto, und kaum je hat einer ihn stören dürfen, wenn das Schöpferische sich seinen Weg suchte und fand. Umso mehr genoss der Meister dann nachher die Entspannung, das Nichtstun.

Gut demnach, dass es zwei Seelen in Theodorakis’ Brust gibt – gut für uns alle, dass die nach außen drängende so oft gesiegt hat, gut aber auch, dass die andere ihm nun die Möglichkeit gibt, auf kämpferische und besinnliche, grausame und schöne Jahre zurückzublicken, Bilanz zu ziehen und auf ein Werk schauen zu können, das in vielerlei Hinsicht einzigartig und einmalig ist.

Guy Wagner

Veröffentlichung in Tageblatt, Luxemburg, am 29. Juli 2010





| Druckfreundliche Ansicht | Diesen Artikel empfehlen |