GEGEN DEN WIND ZU SPRECHEN
Lieber Mikis Theodorakis,
in den Zeiten, wo das Mittelmaß wahre Triumphe feiert, die Kongresse der Belanglosigkeit Olympiastadien füllen, die Großmeister der flachen Wasser die Algebra neu erfinden und die Unterhändler des Zynismus alte Teekannen als fliegende Teppiche verkaufen, ist es gut, einen Menschen wie Dich zu kennen, ist es wichtig, dass es Dich gibt.
Meine erste künstlerische Begegnung mit Dir hatte ich 1998. Ich inszenierte damals in Berlin Deinen Liederzyklus „Sonne und Zeit“. Später lernte ich Dich dann persönlich kennen, in Deiner Wohnung auf dem Philopappus-Hügel, gegenüber dem Parthenon. Wir bereiteten den Millennium-Event auf der Akropolis vor. Ich hatte die große Ehre, als erster Künstler der Neuzeit eine Inszenierung auf diesem heiligen Berg durchzuführen. Du warst der Komponist.
Obwohl ich nicht Griechisch kann, fanden wir sehr schnell eine gemeinsame Sprache. Unsere Visionen von Kunst einten uns, machten uns zu einer verschworenen Gemeinschaft. Deine Musik war für mich wie eine Lokomotive, ein Kraftwerk, Deine Musik war mehr als Noten, mehr als Celli, Legato und Chromatik, Deine Musik war Haltung, Deine Kunst war „Waffe“.
Es war der Beginn einer langen, emotionalen und produktiven Zusammenarbeit und Freundschaft. Mit keinem anderen Komponisten arbeitete ich so intensiv, so viel und so gern zusammen wie mit Dir. Besonders die großen Konzerte für die Erdbebenopfer in Griechenland und der Türkei verbanden uns noch enger. Und nie werde ich Deine „Mauthausen-Lieder“ mit der göttlichen Maria Farantouri im Holocaust-Museum von Washington vergessen, wo ich versuchte, die Stille
zu inszenieren. Das war unbeschreiblich... Dann unser gemeinsamer Event im Hafen von Piräus – welch Manifest der Sinne, was für eine poetische Kraft, nur wir beide wissen, dass selbst die Götter applaudierten, mit Recht.
Du bist Teil meines Lebens geworden: Deine Musik, Deine politische Haltung, Deine Wut, Deine verwundbare Intelligenz, Deine Verletzbarkeit.
Ich hoffe, dass wir noch sehr lange Zeit Pläne für die Zukunft schmieden können. Denn wenn Du irgendwann von uns gehst, wird es schwer werden, einen Kameraden auf Augenhöhe zu finden ... Lass uns zusammen das Gesamtwerk von Majakowski gegen das Mittelmaß in die Welt schreien.
Gert Hof, Regisseur
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