I.
MELODIKER
Als einen der ganz großen Melodiker unserer Zeit stellen die beiden jazzerfahrenen Berliner Musiker, die seit fast zwei Jahrzehnten mit Mikis Theodorakis (und Maria Farantouri) zusammenarbeiten, den 83-jahrigen griechischen Komponisten heraus.
Sie gruppieren 21 Lieder zu einem Zyklus, dessen Titel auf Theodorakis' Heimatmsel Chios in der östlichen Agais Bezug nimmt, und übersetzen ihn in bezaubernde Duo-Arrangements (von Schmied) für Cello und Klavier.
Die sparsamen Instrumentalfassungen lassen die melodischrhythmischen Folk-Elemente der Lieder hervortreten wie die Linien von Skizzen.
Dies ist die lyrische Seite des sonst gern so opulenten Komponisten. kim
Musik: ****
Klang: ****
Fono Forum 10/2008
II.
NATURMAGISCHE MINIATUREN
Das kompositorische Schaffen von Mikis Theodorakis, das im Laufe seines äußerst bewegten Lebens zwischen sinfonischem und liedhaftem Schaffen pendelte, ruht mit seinen bislang neuesten Werken, dem Zyklus ‘East of the Aegean’ aus dem Jahr 2007, wieder im lyrischen Pol des Liedes.
Lieder allerdings, wie ein bekanntes Paradox lautet, ohne Worte, für Cello und Klavier. Theodorakis ist ein Komponist, dem man häufig mit dem Zusatz ‘nicht nur’ begegnet, genauer: nicht nur der Komponist des Sirtaki aus ‘Alexis Sorbas’, dessen berühmte Melodie bereits tausendfach zu unerträglicher Ouzo-Musik hinuntergeremixt wurde. So ist nun wieder ein Moment, dieses ‘nicht nur’ freudig zu begrüßen. Die bekannte Parallelstelle von Liedern ohne Worte charakterisiert Theodorakis’ Zyklus recht gut, und spricht sich auch in der sehr aufschlussreichen Selbstbeschreibung Theodorakis’ im Booklet aus: es herrscht eine romantische Sehnsucht nach Universalismus, Sensibilität, Überschreitung der Sprache in Musik. Theodorakis selbst nennt diese Sehnsucht ‘Lyrismus’. Man könnte meinen: Allerspätestromantik, eine weitere Entwicklung der romantischen Strömung, die sich selbst von Anfang an als unabschließbar beschrieben hat. Man hört sie hier durchaus noch wacker strömen; wie ihr aber das Flussbett der 21. Jahrhunderts bekommt, sei dahingestellt.
Jens Naumilkat am Cello und Henning Schmiedt am Klavier sind zugleich die Widmungsträger des Zyklus und langjährige Begleiter von Mikis Theodorakis. Leise und verhalten sind nicht nur die Stücke, sondern auch ihr Spiel: zurückgenommen, und ohne übertriebene Delikatesse. Der ‘Lyrismus’, den Theodorakis im Booklet kräftig beschwört, ist ein zarter, ländlicher. Als Gewährsmänner für diese Musik werden nicht andere Musiker oder Menschen angeführt: die entscheidenden Rollen werden von Erinnerungen, vom Meer und einer naturhaft vorgestellten Volksmusik eingenommen. Letztere prägt z.B. ‘I rithmi ton kimaton’ (‘Der Rhythmus der Wellen’) deutlich. Patterns und Wiederholungsfiguren werden in strenger Gleichförmigkeit geboten, wie überhaupt rhythmische Prägnanz vor allem den Klavierpart prägt. Diesem Lyrismus entsprechend klingt auch Naumilkats Cello nicht nach dem konzertanten Kraftbündel, als welches das Cello (glücklicherweise) momentan in unseren Ohren wohnt: eher fühlt man sich an private, uralte Lyrainstrumente gemahnt, an dünnere, gehauchtere Verwandte. Das lässt sich als der maßgeblichste Folkloreeinfluss in dieser Musik betrachten, dass sie für einen intimen Raum und nicht für einen Konzertsaal, eine Öffentlichkeit komponiert und eingespielt scheint. Die behutsame Annäherung der beiden Musiker an die fragil und verletzlich wirkenden, kurzen Liedkompositionen erscheint vertraut und selbstverständlich. So wird zwar eine gewisse Intensität der Interpretation spürbar, aber ein Moment der Darstellung und Überwältigung bleibt (vielleicht genau deshalb) aus.
Die verträumte Süße dieser kurzen Charakterstücke könnte man leicht kitschig finden. Nun liegt zwar der Kitsch mehr noch als die Schönheit im Auge des Betrachters: aber dass diesen Stücken etwas süßlich Verhängtes, eine nostalgische Melancholie innewohnt ist nicht zu leugnen. Nicht nur die Anleihen an der griechischen Volksmusik oder das durchgehend Ruhige und Leise in dieser Musik, auch Stimmungszitate brahmsischer Prägung bestimmen den Gesamteindruck der kurzen, naturmagisch betitelten Stücke. Das ‘nicht nur’, auf das ich oben zu sprechen kam, hat seinen Hauptansatzpunk darin, dass man deutlich weniger Folkloreanleihen hört als man anfangs erwarten mag. So wird die Erwartung zwar getäuscht, aber nicht unbedingt zum Schlechteren; oder, wie Martin Walser enthusiastisch über Theodorakis schrieb: ‘Das ist immer eine Art Schönheitsgarantie, wenn eine Musik aus einer Folklore lebt, ohne in ihr unterzugehen.’ Was Walser hier mit ‘Musik’ eigentlich meint, wäre interessant: für eine praktisch musizierte Einspielung allerdings lässt sich keine Schönheitsgarantie aussprechen. Theodorakis’ Lyrismus vertont Dinge und Erlebnisse, vor denen verkopftere Künstler längst die Waffen gestreckt haben: die Farben des Meeres, der Rhythmus der Wellen, die mystische Ägäis, der brennende Juliwind, und wie die 21 Stücke alle heißen. Aber auch dafür würde ich keine Garantie aussprechen.
Tobias Roth, 13.09.2008
klassik.com
Interpretation: ***
Klangqualität: ****
Repertoirewert: ***
Booklet: **
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