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AUSSCHREITUNGEN: THEODORAKIS NIMMT STELLUNG IN "TA NEA"





Die gewalttätigen Ausschreitung in den Straßen von Athen haben Mikis Theodorakis veranlasst, einen Aufruf zu verfassen, den "TA NEA“ am 18. Dezember veröffentlicht hat.



DIE "BULLEN"


Wenn es um die nationalen, sozialen und ideologischen Kämpfe geht, ist der Hass unvermeidlich, er taucht spontan auf. So sollte er denn zumindest in die richtige Richtung gelenkt werden.

Heute beobachtet man, dass der Hass der Schüler einen Weg eingeschlagen hat, der in eine einzige Richtung geht und als Ziel die Polizeibeamten hat: eine Tatsache, die meiner Meinung nach die Protestler von der Suche nach den wirklichen Verhältnissen ablenkt, die sie in ihrer jetzige Lage in der Schule und in der Gesellschaft geführt haben. Während es darauf ankäme, die wahren Ursachen aufzudecken und die wahren Schuldigen und die echten Gründe zu enthüllen für all das, was sich um sie und um uns ganz allgemein, in unserem Land und in der Welt ereignet. So erscheint es, als ob einige ihnen Scheuklappen angelegt hätten, damit ihr Zorn sich auf eine einzige Gruppe unserer Mitbürger, die Polizisten richtet, die, wenn sie nicht richtig funktionieren, schlechthin Statisten des Systems sind; und es ist in der Tat DIESES - das System - das verantwortlich ist für die Erziehung und alles, was das Funktionieren der Gesellschaft, des Staates und seiner Dienste betrifft.

Und ich das Beispiel der Generation "1-1-4" erwähnen, die als ihr Ziel 15% des Staatsbudgets erklärt hatte, was die Erziehung betraf; d. h.: die damaligen Jugendlichen hatten erkannt, dass die Hauptursache der erbärmlichen Lage unserer Erziehung wirtschaftlicher Natur war.

Von dieser Erkenntnis aus konnte die Avantgarde der Jugend, hauptsächlich die Studenten, frei, global und tief in die Dinge hineinsehen, trotz der Tatsache, dass die damalige griechische Polizei eine rein faschistische Mentalität hatte und die Gewaltdemonstrationen, wenn man sie mit den heutigen vergleicht, tausendmal zahlreicher und ernsthafter waren, allein schon durch ihre Zahl (die Krankenhäuser waren voll von Jugendlichen, die durch die Polizei verletzt worden waren). So stellten sie mit dem "1-1-4" als erste ihrer Aufgaben die Verteidigung der Verfassung hin, d.h., der Freiheit, der Demokratie und der individuellen Rechte. Sie trafen in das Herz des reaktionären Machtapparates (Thron, Polizei, amerikanischer Einfluss). Sie schlugen sich für Zypern und kämpftenin Massen für den Frieden. Sie hatten offene Horizonte vor sich für alles, was geschah, auch außerhalb des Landes. Sie waren vollständig freie Menschen, auch wenn es damals wie heute boshafte "Zentren“ gab, die versuchten, ihren Zorn zu bremsen und in eine einzige Richtung zu dränieren, die ihren eigenen Zielen diente, in einem Wort: sie zu verwirren, so wie dies zur Zeit geschieht.

Gehen wir noch etwas weiter: Wir Jugendlichen des Nationalen Widerstandes und des Bürgerkrieges hatten vor uns die Gendarmen und die Polizei mit Waffen, die den kollektiven Tod ausspukten. Dennoch hatten wir die seelische und geistige Kraft zu sehen, dass in mehreren Fällen, jene, die man heute verächtlich "Bullen“ nennt, Kinder waren wie wir, mitgerissen vom Sturm der Ereignisse, damit sie Taten begingen, die sie nicht gewollt hatten. Wir verallgemeinerten nicht. Im Gegenteil: wir konnten noch sehen, und das in kritischsten Situationen, dass nicht alle gleich waren und dass der wahre Schuldige der Machtapparat war, dem es geglückt war, in seinen blut- und hassgetränkten Netzen Bruder gegen Bruder einzuwickeln. Und mehr als einer hatten noch die Kraft, bevor er erschossen wurde, dem Hinrichtungskommando zuzurufen: "Brüder, wir sterben auch für euer Glück!“

Ich habe mich gezwungen gesehen, dieses Papier wegen einer Fernsehsendung zu schreiben, in der Jungen und Mädchen von 15-16 Jahren alle genau die gleichen Worte benutzten, so als ob eine unsichtbare Kraft ihren Zorn, ihren Hass und ihre Gedanken auf ein einziges Ziel ausgerichtet hätte, und dies in einer schwierigen Zeit, in der die Welt kleiner geworden ist und das Äußere sich mit dem Inneren vermischt und alles sich zu einem Knäuel verwirrt. Wie gelangen wir so zur URSACHE des Übels? Und wenn wir die wahren Ursachen der Krise nicht kennen, wie können wir dann die notwendigen Lösungen finden?

Um zu den rezenten Ereignissen zurückzukommen: der gewalttätige Tod eines Kindes stellt eine große Tragödie dar. Zuerst für seine Mutter, seinen Vater, seine Brüder, aber auch für alle Jugendlichen, für uns alle und für die Gesellschaft. Der Urheber seines Todes ist ein Polizist. Das aber bedeutet nicht, dass alle Polizisten heute Scheusale sind. Es ist nicht nur falsch, es ist zudem noch ungerecht, dies zu behaupten. Und der, der das hier schreibt, ist jemand, der sehr genau weiß, was "Polizei“ heißen kann.

Aus diesem Grund müssen wir Verallgemeinerungen vermeiden, denn so führen wir die Jugendlichen auf einen falschen Weg. Wir verstecken ihnen den Wald der Wirklichkeit mit den Bäumen der fiktiven Realität.

Ich möchte mich an die Jugendlichen von heute wenden und ihnen sagen: Schließt eure Ohren vor den schleimigen Schmeicheleien jener, die im Grunde nur versuchen, euren Zorn und eure Energie an einem falsches Objekt abreagieren zu lassen, indem sie euch von den wahren Zielen entfernen. IHNEN dient es, dass wir uns gegenseitig umbringen, indem wir uns gegeneinander wenden. Selbstverständlich ist das Ziel nicht derjenige, der seinen Laden im Zentrum von Athen hat und der für sein Brot, seine Medikamente und die Erziehung seines Kindes arbeitet, wie eure Familien … Während der „Iouliana“ (= Ereignisse vom Juli 1965), einer der dramatischsten Epochen unserer Geschichte, gingen die Jugendlichen zu Zehntausenden auf die Straßen, aber nie gab es die geringste Katastrophe, obwohl wir zwei Tote zu beklagen hatten, Lambrakis und Petroulas, die starben, weil sie für eine bessere Zukunft gekämpft hatten. Wir schützten unseren Kampf, und deshalb geschah nichts; wir ließen nichts zu, was unser Ringen hätte schmälern können.

Und gleichzeitig war diese Generation kreativ. Vielleicht hat es nie in unserer modernen Geschichte so viele Werke in so vielen Bereichen der Schöpfung gegeben: Poesie, Literatur, Musik und alle Gebieten der Künste, Schöpfungen, die zu Waffen des Kampfes unserer Jugend wurden, dank junger Menschen, die sich wehrten und die schöpferisch waren.

Reißt den Vermummten die Masken herunter. Erlaubt ihnen nicht, euren Kampf zu beschmutzen. Was bedeutet denn "Vermummung“? Der wahre Militant und Revolutionär hat weder Scham, noch Angst, sein Gesicht zu zeigen. Lasst nicht zu, dass sie das Gedächtnis an Alexander beschmutzen, indem sie die Verbindung zwischen seinem Gesicht und seinem Namen mit den Schreckensbildern machen. Es ist, als ob sie ihm zum zweiten Mal töten würden.

Ebnet Wege. Widersteht den Bequemlichkeiten, die sie hinterhältig vor euch hinstellen, indem sie versuchen euch mit der Behauptung täuschen, dass das eure eigene Wahl sei. Nehmt selbst euer Leben in eure Hände und schreitet weiter, geradeaus.

Positiv und kreativ.


Mikis Theodorakis

Übersetzung: Guy Wagner
nach der französischen Übertragung von Heracles Galanakis.

Anmerkungen:

Alexander Grigoropoulos ist der Junge von 15 Jahren, dessen Tod durch die Kugel eines Polizisten zum Auslöser der Ereignisse wurde, die zur Zeit Griechenland erschüttern.

"1-1-4“ war der Slogan der Juliereignisse von 1965, als König Konstantin II. den Ministerpräsidenten Georg Papandreou willkürlich entlassen hatte. Artikel 114 der damaligen Verfassung stellte diese unter den besonderen Schutz des Volkes. Daher das "Ena-Ena-Tessera“ als Einigungssymbol gegen den Machtapparat (siehe dazu oben den Kommentar von Theodorakis).





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