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THEODORAKIS: "ANATOLIKA"





Konzert-Plakat
Nur ein kleiner Teil meines Publikums weiß, dass ich meine musikalische Laufbahn schon vor meinem Kompositions-Studium an den Musikhochschulen Athen und Paris begonnen hatte, nämlich während meiner Kindheit und frühen Jugend - mit dem Schreiben von Liedern, d.h. mit Vertonungen von lyrischen Vorlagen solcher bedeutenden griechischen Dichter, wie z.B. Solomos, Palamas, Drosinis und viele andere es waren.

Als ich 1960 nach meiner sinfonischen Periode wieder zum Lied zurückkehrte, war mein melodisches Idiom (das seltsamerweise während meiner ersten Schaffensphase einen ausgeprägt persönlichen Charakter gehabt hatte) nun von der Volksmusiktradition geprägt.

Laische Musik (städtische Volksmusik) hörte ich zum ersten Mal 1947, während der Verbannung auf der Insel Ikaria, also zu einer Zeit, da ich emotional sehr empfänglich war, also von dieser Musik tief ergriffen wurde. Vielleicht war das der Grund dafür, dass ich mich ab 1960 zwanzig Jahre lang nicht weiter mit sinfonischer Musik beschäftigte.

Als diese Phase dann vorbei war, in den Jahrzehnten nach 1980, kehrte ich, ohne dass mir das anfangs bewusst war, zur für mich magischen melodischen Welt meiner frühen Jugend zurück, jetzt allerdings bereichert um die Erfahrungen eines überaus bewegten Lebens, während dem sich auch mein weiterer musikalischer Werdegang vollzogen hatte.

Ergebnis dieses Aufeinandertreffens zweier musikalischer Welten war das, was ich «Lyrisches Leben» genannt habe, womit ich meine totale Hingabe als Musiker und Mensch an die Suche nach dem Lyrismus betonen wollte. Was ich damit meine, wird der Hörer, so glaube ich, in diesem Werk entdecken, dessen Titel auf die Wurzeln meiner Herkunft verweist, auf Kleinasien, auf die Inseln Chios, Lesbos und Ikaria.

Wenn ich dieses Werk höre, kehre ich zurück in die zauberhafte Welt meiner Kindheit und Jugend, in die Zeit, als den Gefühlen noch das Licht der Unschuld und die Maßlosigkeit der Utopie innewohnten. Damals, als die Liebe, beherrschend und mysteriös, uns bis in jede Faser elektrisierte. Damals, als das Blau des Meeres, das Azur des Himmels und das Grün der Bäume in uns unbegrenzte Ausmaße annahmen, die uns mit jenem süßen Schmerz erfüllten, der unsere Jugend so sehr verschönerte.

All das und vieles mehr, was nicht vom menschlichen Geist erfasst werden kann, «erzählt» uns die Musik - mit dem so tiefen menschlichen Ton des Cellos und den kristallinen Lichtspielen des Pianos. Aber nicht in irgend einer Sprache, sondern einzig und allein in der des Lyrismus, die auf einzigartige Weise dazu geeignet ist, etwas vom Wesen der menschlichen Sensibilität zu entäußern.

Mikis Theodorakis im März 2008

Deutsche Übersetzung: Ina und Asteris Koutoulas

Angaben zum Konzert: East of the Aegean
Henning Schmiedt: East of the Aegean

siehe auch: Konzertankündigung





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