Sie befinden sich hier News 2006

12.09.06: "Miami 5" - Theodorakis nimmt Stellung




Mikis Theodorakis: „Gesamtheit der Verbrechen der USA aufdecken“


The Miami 5
Ein Gespräch mit dem griechischen Komponisten, das am 12. September in der Tageszeitung der Kommunistischen Partei Griechenlands KKE „Rizospastis“ veröffentlicht wurde.











Rizospastis: Die USA setzen ihre aggressive Politik gegen Kuba unvermindert fort. Ein Ausdruck dieser Politik ist die Verurteilung von fünf kubanischen Aktivisten, den „Miami 5“, die in den USA inhaftiert sind, weil sie als Agenten ihr Vaterland verteidigt haben. Was ist Ihre Meinung zu diesem Fall?

M. Th.: Die jungen Kubaner werden bereits seit acht Jahren in amerikanischen Gefängnissen festgehalten. In der Zwischenzeit haben sowohl der Sachverständigenrat der Menschenrechtskommission der UNO am 27. Mai ihre Inhaftierung als willkürlich und illegal erklärt, und das Berufungsgericht in Atlanta am 9. August ihre Verurteilung für ungültig interpretiert. Doch die zuständigen Behörden der USA stellen sich taub. Das wundert mich nicht, denn die Supermacht ignoriert seit langem die UNO und auch ihre eigene Justiz.

Nach dem 11. September 2001 hat sie sogar ihre Verfassung, was die persönlichen Freiheiten ihrer Bürger angeht, verletzt. Erst vor kurzem hat Bush zugegeben, daß verstreut über die ganze Welt geheime Gefängnisse existieren – nur Gott weiß, welche Folterorgien dort abgehalten werden, aber Bush bezeichnet diese als »nützlich« für die Bekämpfung des Terrors. Man hat das Bonbon »Terrorismus« gefunden, um die eigenen Verbrechen zu legitimieren. So, wie zu anderer Zeit Hitler die Juden und die bösen „Roten“ entdeckte. Vor unseren Augen gibt es ein naziartiges Konzentrationslager, Guantánamo, provozierend und unerträglich. Doch die Mächtigen der Welt tun so, als würden sie es nicht sehen, während die Völker, in der Mehrheit in der Zange ihrer amerikafreundlichen Führungen gefangen, im Grunde stillhalten.

R.: Am 12. September hat eine internationale Kampagne für die sofortige Freilassung der fünf Kubaner begonnen. Glauben Sie, daß sie erfolgreich sein kann?

M. Th.: Auf Grunde dessen, was ich vorher gesagt habe, will ich unterstreichen, dass die Kampagne meiner Meinung nach nur Erfolg haben kann, wenn sie von einem aufklärenden Aktionsplan, der die Gesamtheit der verbrecherischen Aktivitäten der USA aufdeckt, begleitet wird. Diese Verbrechen geschehen ja nicht, weil es in jenem Land einige schlechte und boshafte Menschen gibt, sondern sie ereignen sich im Rahmen einer Dynamik, die die USA in ein militaristisches aggressives imperialistisches Land, mit klar neonazistischer Ideologie verwandelt haben, das auf lange Sicht eine internationale Herrschaft anstrebt. Beginnend mit den „einfach“ anzugreifenden Ländern und methodisch zu weiteren Zielen fortschreitend, von denen es einige schon angekündigt hat.

R.: Warum glauben Sie, dass die Solidarität mit Kuba und seinen fünf Aktivisten eine Angelegenheit aller Demokraten ist?

M. Th.: Wir haben in Griechenland ein zusätzliches Problem, was die Aufklärung und Mobilisierung angeht, und dieses kommt daher, dass wir einem entsetzlichen Widerspruch gegenüberstehen. Während das griechische Volk einerseits als Feind Nummer Eins der heutigen aggressiven Politik der USA innerhalb Europas angesehen wird und es auch ist, wählen andererseits über 90 Prozent die beiden führenden Parteien, die vielleicht die derzeit amerikafreundlichste Haltung in ganz Europa haben. Daher müssen wir feststellen, dass, im selben Augenblick, wo griechische Demokraten, Patrioten und Internationalisten darauf brennen, ihre Wut und ihre Empörung gegenüber Völkermorden wie im Irak oder im Libanon auszudrücken, die breite Masse – außer denen, die der KKE und anderen Antikriegsorganisationen auf die Straße folgen –, unter dem Einfluss der beiden großen Parteien gefangen bleibt, weil sie weiß, dass selbst die wenigen halbherzigen Worte gegen den Krieg, die einige ihrer Leader murmeln, ihnen nur dazu helfen, das Gesicht zu wahren.

So sehen wir denn, dass, während sich unser Land gemeinsam mit der ganzen Menschheit am Rande einer globalen Katastrophe befindet, die nur durch das Sich auflehnen der Völker verhindern werden kann, die Griechen in der Falle sitzen. Zugleich gehen die verantwortungsbewussten Stimmen, die die Besorgnis dieser Epoche ausdrücken, im Getöse der gleichgeschalteten Propaganda der herrschenden Massenmedien unter, die von den Amerikanern und ihren treuen Freunden kontrolliert werden, sowie ihrer Kumpanen im Land, die zum jetzigen Zeitpunkt die große Mehrheit auf den Gebieten der Politik, der Wirtschaft und der allgemeinen Lage der Nation darstellen.

Folglich haben wir alle die Pflicht, neben unserer, als gesichert geltenden Solidarität mit dem kubanischen Volk und unseren Protesten für die kubanischen Gefangenen, dieses große nationale Problem zu lösen. In anderen Worten: Wir haben die Aufgabe, den Widerspruch zu lösen, in dem sich ein großer Teil unseres Volkes befindet, der eine Politik wählt, die er hasst.
Zumindest müssten wir fordern, dass Parteien wie die PASOK, von der wir wissen, dass ein großer Teil ihrer Wähler zu ihr steht, weil er an eine antiimperialistische Politik glaubt, die gegen den Krieg und für den Frieden gerichtet ist, einen klaren Standpunkt einnehmen, die Dinge beim Namen nennen und öffentlich und eindeutig die Verbrechen gegen die Völker und gegen den Frieden anprangern, die vor ihren Augen geschehen, und ihre Gefolgsleute aufrufen, auch auf die Straße zu gehen, um auf diese Weise, so wie früher, unser Volk zum Protagonisten werden zu lassen im Kampf gegen Krieg, Gewalt und Arroganz, für Frieden, Leben und Integrität der Menschenwürde, für Internationales Recht und die Stärkung der internationalen Solidarität in der Praxis.

Interview: Aristoula Ellinoudi
Übersetzung aus dem Griechischen: Heike Schrader und Guy Wagner

Das Interview in der Tageszeitung der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE) erschien, leicht gekürzt, in deutscher Übersetzung in Junge Weltvom 14.9.

Mehr zu: Miami 5





| Druckfreundliche Ansicht | Diesen Artikel empfehlen |