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01.07.06: Theodorakis' Ansprache in Delphi




Anlässlich der kulturuellen Amphiktyonie 2006 im Europäischen Kulturzentrum in Delphi, die unter dem Thema "Die Rolle der UNO im 21. Jahrhundert - Reform der Ziele, Strukturen und Aufgaben" stand, war Mikis Theodorakis der Hauptredner.



Mikis Theodorakis, H. Giallouridis, H. Michaloliakos




Wir freuen uns, seinen bemerkenswerten Beitrag integral veröffentlichen zu können.


Ich muss gestehen, dass meine Zusage eher zurückhaltend war, aus Anlass eines derart wichtigen Ereignisses und vor so bedeutenden Persönlichkeiten zu sprechen, da, entgegen dem, was in ähnlichen Fällen üblich ist, es mir unmöglich ist, optimistische Worte oder positive Gedanken und Vorschläge zu unterbreiten.

Und dies, weil ich zutiefst pessimistisch bin, was die Zukunft betrifft. Ich habe keinen Glaube mehr daran. Aber, da ich mir vorstelle, dass Ihnen dies nützlich sein könnte, habe ich beschlossen, dieser einstimmigen und großartigen "Symphonie", die – davon bin ich überzeugt – alle Reden, die gehalten werden, auszeichnen wird, eine dissonante Note hinzuzufügen.

Von der allgemeinen Strömung getragen, habe auch ich bis gestern geglaubt, dass die tieferen Ursachen von Gewalt und Krieg in den finanziellen Interessen, dem religiösen oder ethnischen Fanatismus und anderen ähnlich gelagerten Phänomenen verwurzelt sind.

Jetzt bin ich sicher, daß schlussendlich all dies nichts anderes als ein Vorwand ist und dass die tiefe Ursache des Dürstens nach Eroberung und Blut im Menschen selbst verwurzelt ist; mit einem zusätzlichen Vermerk, nämlich dass, je zivilisierter der Mensch wird, desto größer wird seine Bestialität. Dies bedeutet, dass die vermeintliche Zivilisation nichts anderes ist als ein langes Kleid, das angelegt wurde, um unser wahres Wesen zu verdecken und zu verbergen, das während all der Jahrhunderte immer gleich wild und monströs geblieben ist.

Um meine Aussagen klarer zu machen, bitte ich Sie, mit mir gemeinsam die Bestialität der Wilden der Vergangenheit und die der Menschen von gestern und heute, die zivilisiert sein sollen, zu vergleichen. Hat es, frage ich Sie, in der ganzen Geschichte des Menschheit eine Bestialität gegeben, die die Gräuel des Nazismus übertroffen hätte? Und trotzdem wurde das Deutschland von damals als eine der zivilisiertesten Nationen angesehen. Mit seinem hohen Niveau an Erziehung und Kultur, mit einer organisierten Gesellschaft, mit Tausenden von Wissenschaftlern, Künstlern, Intellektuellen, war es das Modell einer entwickelten menschlichen Gesellschaft. Dennoch: von heute auf morgen sahen wir diese Millionen zivilisierter Menschen alle Wilden aller Zeiten, – den Neandertaler, den Hunnen Attila, die Kreuzzügler, die Conquistadores, bis zu den Heiligen der spanischen Inquisition –, an Gewalttätigkeit und Brutalität übertreffen.

Die Entschuldigungserklärung lautete, dass sie die Opfer eines Paranoikers geworden waren. Nur, sogar dieser Paranoiker hat sich gebrüstet, dass er jeden Morgen seine Nägel feilte, daß er Vegetarier war und dass er Richard Wagner vergötterte. Er hätte nie ein Festspiel in Bayreuth versäumt, während dem er im Hause der Wagner wohnte. Aber waren seine Landsleute nicht auch glühende Liebhaber klassischer Musik, und zwar so sehr, dass sie in den Konzentrationslagern kleine symphonische Orchester der Gefangenen organisierten, um die Verurteilten zu ihrer Hinrichtung zu begleiten: dem Galgen, der Enthauptungsstätte durch die Axt und - am Üblichsten - der Gaskammer?

Und machen wir uns nichts vor: dies war nicht nur die Arbeit von SS und Gestapo. Ich habe die Schrecken dieser Epoche erlebt und ich kenne die Keller der Gestapo mit all ihren Folterinstrumenten, die mit deutscher Gründlichkeit eingerichtet waren, und ich kann nur mit Trauer sagen - weil ich die Deutschen von heute, die ich aufrichtig respektiere, nicht verdrießen möchte - dass all dies die Mitwirkung vieler Millionen zuvor zivilisierter und jetzt wilder Menschen erforderte, die Vergnügen aus dem Schmerz anderer zogen und blutrünstiger waren als die wildesten Tiere des Dschungels.

Dennoch bin ich heute überzeugt, dass man ihnen den Fehler nicht anlasten darf. Oder vielmehr: Sie sind so verantwortlich, wie wir es alle sind, als menschliche Wesen geboren zu sein, und als menschliche Wesen haben sie jene Schizophrenie geerbt, an der wir alle zu leiden scheinen: Einerseits führt unser Charakter uns in Richtung der Geistesgipfel und der Suche nach Freiheit, Demokratie und Frieden; andererseits ist es gerade dieser Charakter, der uns von einem Augenblick zum anderen in wilde Tiere verwandelt.

Natürlich sahen wir das Phänomen des zivilisierten Deutschlands auch bei anderen Zivilisationen, im antiken Athen, in Rom, England, Spanien, Frankreich und so vielen anderen Städten und Ländern, wo etwa - um über mein Land zu sprechen - die Athener den Parthenon bauten und gleichzeitig wie wilde Tiere alle männlichen Einwohner der Insel Milos hinschlachteten, nur, um ein Exempel zu statuieren.

Kommen wir nun zum Heute zurück. Und ich frage Sie: Gibt es ein anderes Volk mit einem höheren Lebensstandard als die USA, mit mehr Millionen Wissenschaftlern, Intellektuellen, Technokraten, Unternehmern, Bankiers usw., die alle zusammen eine Modellgesellschaft an Wachstum und Zivilisation bilden? In einem Wort: ein Volk, das alles hat und das gleichzeitig soviel Macht und Reichtum besitzt, dass eine einzige Entscheidung von ihm genügen würde, die Menschheit in einen Himmel zu verwandeln, oder in die Hölle. Ich frage mich, was es Amerika kosten würde, das Hunger leidende Afrika mit Waren wortwörtlich zu überschwemmen, und dann die Völkern, die in Lateinamerika und in Asien leiden? Und in erster Linie die Kinder, die wie Fliegen an Hunger und an Krankheiten dahinsterben? Ich beziehe mich nicht auf die Wohltätigkeit, die ebenfalls eine Option wäre, aber auf Business, Kapitalinvestitionen und eine gute wirtschaftliche Nutzung der Ressourcen. Ich beziehe mich auf eine absolut vernünftige und rentable Wahl. Auf eine Friedensindustrie und einen Friedenshandel, die zweifellos sehr gewinnträchtig wären und zugleich Glück unter den Völkern verbreiten würden.

Natürlich gilt dies ebenfalls für die reichen Länder Europas, besonders für jene, die einen großen Teil ihres Wirtschaftswachstums und ihres Wohlstands auf die Rüstungsindustrie stützen.

Man sagt uns, dass die Gewinne aus dem Waffenverkauf viel unmittelbarer und bedeutender sind. Ich akzeptiere das. Aber haben all diese Waffenhändlerstaaten je die Option untersucht, die Kriegsindustrie in einer Friedensindustrie umzuwandeln? Es ist möglich, daß der Gewinn daraus weder so unmittelbar, noch so bedeutend wäre, aber könnten sie die Tatsache nicht in Betracht ziehen, dass sie auf diese Weise Hunderte von Millionen Menschen, – ihre, unsere Mitmenschen –, vor der Unterentwicklung, dem Hunger und dem Tod retten würden?

Und warum, so frage ich mich, haben sich die reichen und zivilisierten Menschen von heute unter der Führung der USA nicht einmal die Mühe gemacht, die Möglichkeit einer Friedensindustrie und eines Friedenshandels in Betracht zu ziehen? Ist es einfach eine wirtschaftliche Frage oder ist es doch etwas Tieferes? Könnte er sein, dass die Tatsache, eine Kriegsindustrie zu besitzen, neben dem wirtschaftlichen Profit, ebenfalls bedeutet, dass man in der Lage ist, Gewalt zu produzieren und kolossale Kräfte des Krieges und der Zerstörung aufrechtzuerhalten, dass man somit zum Klub der Menschenfresser, der Mächtigen und der Wilden gehört? Zu wissen, dass man so jenen wilden Instinkten näher ist, die, – so scheint es –, denen, die sie haben können, größeres Vergnügen bereitet als intellektuelle Brillanz und unsere menschliche Anschein, der den Menschen als Lebensschöpfer eher denn als Todesinstrument ansieht?

Als die Menschheit den Atem anhielt, während sie live der biblischen Zerstörung von Bagdad durch die Luftstreitkräfte der USA zusah, rief der Staatssekretär für Verteidigung Rumsfeld, glücklich wie ein zeitgenössischer Nero aus: "Es ist ein wunderbares Schauspiel!" Und ich als unbedeutender Körnchen im Sand der unbedeutenden Menschen habe öffentlich Herrn Bush als neuen Hitler charakterisiert. Sicherlich war der Vergleich schlecht in dem Sinne, dass Präsident Bush einfach den Gipfel einer monströsen Todesindustrie symbolisiert, die in nur zwei Jahren ein Land in einen Haufen von Ruinen verwandelt hat.

Hier stehen wir nun, sechzig Jahre nach dem Dämon Hitler, der in nur vier Jahren das Vergnügen hatte, 80 Millionen Leuten zu beseitigen, davon dreißig auf furchtbare Weise, und die Menschheit ist wieder mit einem neuen Kriegsdämonen konfrontiert, der Tod verbreitet und Millionen seiner Landsleute in Uniform ein primitives Vergnügen bietet, indem er ihnen hilft, die brutale Seite ihres Charakters hervorzukehren. All jenen, die ein monströses Vergnügen empfinden, wenn sie zusehen, wie ganze Städte zu Ruinen werden und sich vorstellen, wie Frauen und Kinder einen schrecklichen Tod in den Flammen und den Trümmern erleiden. Oder Folterern und nackten Menschen, die wie Hunde an Leinen von zivilisierten jungen Frauen gezerrt werden, die, so hat man mir gesagt, sogar Universitätsprofessorinnen waren.

Wieder einmal werden ein zivilisiertes Land und zivilisierte Menschen in Wilde verwandelt, die Vergnügen aus dem Schmerz und dem Leiden anderer ziehen, die nach Blut dürsten und an ihrer eigenen Brutalität Gefallen finden. Sagt mir nun nicht, dass auch sie Opfer der Propaganda sind. Sie sind nur Menschen, wie Sie und ich, denen die Gelegenheit gegeben wurde, ihr ewiges Selbst hervorzukehren, das, – wie es scheint –, weiterhin das wildeste aller Tiere bleibt, die der liebe Gott in der Natur erschaffen hat.

Das aber, was ich gerade untersucht habe, könnte vielleicht eine Hoffnung für die Zukunft der Menschheit werden: Indem man nämlich vermeidet, dem Menschen derartige Gelegenheiten zu geben, wo die wildesten Instinkte das Gute überwiegen.

Das Studium der Geschichte hat gezeigt, dass die Super-Konzentration der Macht die Grundursache des Bösen ist. Und ich möchte sagen, dass es angesichts der enormen Zerstörungskraft, die die USA angehäuft haben, nur natürlich ist, dass wir heute Zeuge solcher Gewaltphänomene sind. So möchte ich noch hinzufügen, dass die USA Gefangene ihrer eigenen Macht sind.

Wir müssen begreifen und hinausschreien, dass alle Staaten, die Kriegindustrien und große militärische Kapazitäten haben, mögliche Anwärter auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind, so wie dies der Fall in der Vergangenheit war und wie es der Fall heute ist, ungeachtet aller möglicher Entschuldigungen, die sie anbringen können, um ihre schreckliche Taten zu rechtfertigen.

Was aber vermutlich das Kriminellste überhaupt ist, ist die Tatsache, dass sie, indem sie in ihrem Lande selbst ihre scheußliche Macht bekannt geben, dazu beitragen, die einfachen Leute in Menschentiere zu verwandeln, da, wie wir gesehen haben, die menschliche Schizophrenie in uns das Gute vom Bösen nur durch eine sehr feine Linie trennt. In der Tat ist es erstaunlich zu sehen, wie schnell der Mensch zum Tier wird, wenn seine Lebensbedingungen ändern.

Folglich ist es unnütz und unrealistisch, über den Weltfrieden und über gleiche Rechte unter den Völkern zu diskutieren, wenn es Nationen gibt, die immer noch massiv Zerstörungsmittel produzieren.

In Bezug auf den wahren Charakter des Menschen und sein Hauptattribut, den genetischen Charakter der Schizophrenie, die ihn von allen anderen Tieren auf Erden unterscheidet, trägt diese Tatsache in den Ländern mit militärischer Dominanz zur systematischen Pflege ihres Gefühls der Überlegenheit und der Arroganz bei, das sich schnell zu einem kollektiven Durst nach Gewalt und Blut entwickeln kann.

Heute, wie in der Vergangenheit, kommt diese Gefahr ausschließlich von den so genannten zivilisierten Ländern her, geführt vom Beispiel der einzigen Supermacht.

Schlussfolgernd möchte ich sagen, dass sich die Bedeutung der Zivilisation seit langem geändert hat. Besonders nach den Nazis und den unzähligen Kriegen, die seitdem folgten, immer geführt durch so genannte "Zivilisierte" gegen "Unterentwickelte", Arme und "Unzivilisierte", liegt es jetzt auf der Hand, dass die wahre und menschliche Zivilisation nur an den Normen des Friedens, der Toleranz und der Solidarität innerhalb jeder Gesellschaft und jeden Volkes gemessen werden sollte. Da, wo sich Edelmut, Gutherzigkeit und vor allem Liebe unter den Menschen entfalten können.

Ich weiß, dass ich mich auf eine Utopie beziehe, von der wir uns stetig entfernen. Ich sehe, im Gegenteil, die Kräfte des Bösen, die meiner Meinung nach dem Lager gegenüber liegen, das Herr Bush spezifiziert, nämlich in seinem eigenen und dem seiner Verbündeten, da sie nach immer größerer Zerstörung, mehr Schmerz und Blut dürsten und zu einem Zeitpunkt unausweichlich auf die absolute Katastrophe und den absoluten Schmerz zusteuern – und das ist die Verwendung der Atombombe.

Dies ist, meiner Meinung nach, was der Tier-Mensch, den wir alle in uns haben, sucht, da das Böse kein höheres Vergnügen kennt als seine eigene Zerstörung.

Schon hat in der so genannten "westlichen Zivilisation", eine Tsunami-Subkultur sich zu entwickeln begonnen und ist täglich dabei, gigantische Ausmaße zu erreichen und systematisch Menschen zu Tieren zu machen.

Wenn Sie das Böse nicht mit seinen Wurzeln ausrotten, wenn Sie die Industrien des Krieges nicht in Industrien des Friedens umwandeln können, wenn nicht alle Angriffstruppen abgeschafft werden, dann ist die Sache des anderen Aspektes des Menschen, der menschliche, der wirklich zivilisierte, jener, der nach Liebe und Frieden sucht, für immer verloren.

Heute haben die Wörter "Freiheit", "Demokratie", "Menschenrechte", "Solidarität" längst ihre Bedeutung verloren. Heute ist die Koexistenz der Schafs-Völker mit den Monster-Staaten unter einem Dach, wie im Rahmen der UNO, zu eine tragische Farce für die Schwachen dieser Erde geworden. Ich sehe nur zwei Möglichkeiten, aus dieser Sackgasse herauszukommen:

Entweder gehen wir zu den tiefen Wurzeln des Bösen und kämpfen bereitwillig und in Zusammenarbeit mit den Starken, oder die Schwachen müssen andere Wege der Verteidigung suchen und finden, indem sie, nur auf ihren eigenen Füßen stehend, im wesentlichen von den Hunderten von Millionen Schwachen und möglichen künftigen Opfern unterstützt werden, die, wenn sie zusammenstehen, eine Chance haben zu widerstehen und zu siegen.

© Mikis Theodorakis
1.7.2006

Deutsche Übersetzung: © Guy Wagner





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