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08.09.05: Theodorakis' Ansprache in Chios





Theodorakis während seiner Ansprache - Photo: Chios News
Sowohl auf der griechischen Insel Chios als im gegenüberiegenden türkischen Tschesme fanden Konzerte zu Ehren von Mikis Theodorakis statt. Dabei wirkte der türkische Komponist, Sänger und Politiker Zülfü Livaneli, ein langjähriger Freund von Theodorakis, mit.

Am 8. September, bei Gelegenheit der Eröffnung des Theaters Kastromina, das auf den Namen von Mikis Theodorakis getauft wurde, hielt dieser eine Rede, in der er Stellung bezog zu den griechisch-türkischen Beziehungen, zur Zypernfrage und zu seinen eigenen Wurzeln. Wir veröffentlichen sie exklusiv.


Liebe Freunde,
Meine lieben Mitbürger,

Vielleicht ist einer der Gründe, warum ich Wurzeln in ganz Griechenland geschlagen habe, die Tatsache, dass ich keine Wurzeln hatte. Von Seiten meiner Mutter, war ich aus Kleinasien und von Seiten meines Vaters, war ich aus Kreta, und ich habe gelernt, als Ausländer im altem Griechenland zu leben, wo die häufigen Ortswechsel meines Vaters von Stadt zu Stadt mich sehr mitnahmen. Was mich in allen jenen kritischen Jahren rettete, war natürlich die Musik. Sie half mir nicht nur, in eine Harmonie mit den Menschen einzutreten, aber auch Bindungen zu ihnen herzustellen… Bis ich den Punkt erreichte, da ich nicht nur eine Wurzel, sondern Tausende und Abertausende von Wurzeln geschlagen hatte; bis alle zusammenkamen, um zu der einzigartigen Wurzel zu werden, die mich an Griechenland bindet. Eine Wurzel, die sogar tiefer geht und alle Menschen weltweit umfasst. So wurde ich Bürger Griechenlands und Weltbürger, und das ist, glaube ich, das Schönste, das im Leben eines Menschen geschehen kann.

Da ich mich nun dem Ende nähere, habe sich die Orte, an denen ich gelebt habe, bei mir in Erinnerung gerufen, und sie haben sich, auf die eine oder andere Weise, entschlossen, mich zu ehren. Bis sie sich auch mit denen zusammentaten, die mit mir durch die Bande meiner eigenen Ursprünge und die meiner Eltern verbunden sind: Das Kreta meines Vaters, das Tschesme meiner Mutter und das Chios, wo ich zuerst das Licht der Welt erblickte.

Was mich jedoch besonders berührt hat, ist die Tatsache, dass diese Feiern sich nicht nur auf die Gegebenheiten meines Ursprungs beziehen, sondern indem sie mich zu ehren, ehren sie auch meine Arbeit: auf dem Gebiete der Musik und auf dem der Ideologie. Es ist übrigens weithin bekannt ist, dass mein Leben sich aufteilte zwischen Musik und Ideen. Zwischen der Kultur und dem Kampf für eine bessere Zukunft. Mein ideologisches Arsenal kann in drei Wörtern zusammengefasst werden: FREIHEIT, FRIEDEN, KULTUR, die in jedem Fall das Objekt der Kämpfe der Menschen weltweit und von jeher bis zum heutigen Tag darstellen.

Ich bin besonders erfreut, dass der Bürgermeister von Chios und seine Kollegen, welche die Initiative zu diesen Feiern ergriffen haben, auch die nette Idee hatten, diesen Geburtstag mit der Griechisch-Türkischen Freundschaft zu verbinden. Und ich bin noch glücklicher, dass ihr Vorschlag, gemeinsame Feiern abzuhalten, eine Antwort auf Seiten Tschesmes gefunden haben. So erweitere ich denn ein großes Dankeschön hin zu beiden Seiten für ihre inspirierte Idee und für ihren Glauben, dass diese Institution Wurzeln schlagen und Früchte tragen wird. Dies ist für mich das größte, das liebste Geschenk, weil es die schwierigen Kämpfe meines ganzen Lebens verteidigt, aber auch, weil es beweist, dass die Arbeit, die bitteren Erfahrungen und die Opfer all deren, die, wie ich, an den Frieden und die Zusammenarbeit der Völker geglaubt haben und weiterhin glauben, nicht umsonst gewesen sind.

Für mich ist die Präsenz von Zülfü Livaneli ebenfalls sehr berührend, da sie die Überzeugung auch der anderen Seite symbolisiert und nochmals bestätigt, dass alle Hindernisse, die uns trennen, beseitigt werden können, damit wir im Frieden leben können, ohne die Angst und die Bedrohung, die uns trennen, und ohne, dass wir gezwungen werden, unser mageres Geld für den Kauf unnützer tödlicher Waffen zu vergeuden.

An diesem Stelle sollte ich daran erinnern, dass wir vom allerersten Augenblick an, da wir den ersten Ausschuss der griechisch-türkischen Freundschaft 1986 in Istanbul gegründet haben, bereits unterstrichen, dass es nicht unser Aufgabe sei, die Rolle der Regierungen zu übernehmen. Wir trennten uns vom Standpunkt, dass die normalen Menschen auf beiden Seiten nichts gemeinsam hätten. Nun, welche Kriterien wir auch anwandten, um das Problem zu überprüfen: die beiden Völker haben keine wesentlichen Fragen in der Schwebe, die sie trennen würden. Weder die griechischen noch türkischen Menschen haben Forderungen auf Kosten der anderen. Das ist die Wahrheit.

Was nun Zypern angeht, so denke ich, dass es ein Fehler ist, die Gegenwart mit den negativen Erfahrungen der „Vergangenheit“ anzugehen.

Wir sehen, dass auf beide Seiten eine neue Generation von Bürgern heranwächst und progressiv zu dominieren beginnt, eine Generation, die ihre Augen auf die Gegenwart und die Zukunft richtet und nicht auf die Vergangenheit. Auch die ältere Generation nähert sich in ihrer großen Mehrheit dieser Haltung an. Ich gehe davon aus, dass alle zusammen, griechische Zyprioten und türkische Zyprioten, reif genug sind, um ein vereintes Zypern zu errichten. Ein Staat mit zwei Gemeinschaften, die brüderlich zusammenarbeiten zum Allgemeinwohl ihrer Insel. Solche Probleme wie Gleichheit und Schutz der Rechte der Minderheit, wie Demokratie und Freiheit für alle, sowie das Recht auf Wohlstand, werden bereits als gelöst angesehen, da Zypern gleichwertiges Mitglied der Europäischen Union geworden ist.

Folglich ist die Anpassung des künftigen vereinten Zyperns an das Modell „Europa“ eine abgesicherte Tatsache. Die griechischen Zyprioten und die türkischen Zyprioten sind verpflichtet, unter den Bedingungen Europas zu leben. Das sollte bedeuten, dass die Beziehungen, die zwischen den Staaten der EU Regel sind, auf alle Ebenen angewandt werden müssen.

Wir sollten auch sehen, wer kurzfristig stärker von der Bildung eines vereinigten zypriotischen Staates profitiert, da auch eine der ersten Konsequenzen die Beseitigung der ökonomischen Unterschiede zwischen den zwei Gemeinschaften sein wird. Selbstverständlich sind dies die türkischen Zyprioten, deren heutiger Lebensstandard sehr viel niedriger als der der griechischen Zyprioten ist. Schließlich sollte, trotz allem, was ich gesagt habe, nämlich, dass die Bedingungen und die Mentalitäten nicht mehr denen der Vergangenheit ähneln, dennoch auch eine Antwort auf die Frage der Sicherheit gefunden werden, in deren Namen es weiterhin Trennungsmauern gibt.

Ich stelle folgende Frage: Genügt die Tatsache nicht, dass das vereinigte Zypern von morgen Mitglied Europas ist? Genügt die Garantie dieses Europas nicht, von dem bekannt ist, wie aufmerksam es alles im Auge behält, was auf seinem „Territorium“, selbst im kleinsten Dorfe, geschieht? Umso aufmerksamer ist man, was die großen Fragen angeht, wie die demokratischen Freiheiten, die Menschenrechte, die Gleichheit der Rechte für alle, die Ausrottung aller Arten von Diskriminierungen (in Sachen Religion, Sprache, Rasse) und schließlich der Schutz der Integrität und Sicherheit der Bürger.

In Europa wird neben der Identität jedes griechisch-zypriotischen oder türkisch-zypriotischen Bürgers, die sogar noch wichtigere Identität eines europäischen Bürgers hinzugefügt. Statt demnach die Streitgespräche mit den fremden Schiedsrichtern (und einige davon haben eine notorische Vergangenheit), die auf uns aufzupassen, zu verewigen, so als ob wir kleine unreife Kinder wären, heißt es sich fragen, warum wir Griechen und Türken denn unseren Brüdern und Schwestern auf Zypern unsere Hilfe nicht anbieten sollten, damit sie „europäisch“ werden – mit anderen Worten: eine realistische Perspektive, die der Insel Ruhe brächte und alle glücklich machen könnte?

Bezweifelt denn jemand, dass die Zyprioten, – die griechischen Zyprioten und die türkische Zyprioten –, besser als alle andern wissen, welches der beste Weg ist, damit Zypern auf gerechte und adäquate Weise verwaltet werden kann, damit das Land im Interesse aller gedeiht? Sind sie nicht selbst in einer besseren Position als alle andern, um Unterschiede und Lösungen zu bestimmen?

Was demzufolge wirklich getan werden müsste, wäre einen Rahmen zu finden, damit sich ein für allemal die Zyprioten selbst an den Verhandlungstisch setzen und Richtlinien für die Zukunft Zyperns aufstellen können. Sie sind es, die miteinander leben, sie sind es, die dort wohnen, und sie sind die einzigen, die in der Lage sind zu entscheiden, auf welche Weise sie die gemeinsame Zukunft ihrer gemeinsamen Heimat brüderlich errichten können.

Selbstverständlich gibt es in jedem Volk Minderheiten – an einigen Stellen, sind sie stark, an anderen, bedeutungslos –, die fortfahren, in der Vergangenheit zu leben, und deren Denken und Mentalität dauerhaft blockiert ist. Aus diesem Grund, zum Beispiel, sehen wir, während wir, die gewöhnlichen Bürger in unseren Ansichten fest bleiben – wie Livaneli und ich, zusammen mit Tausenden von anderen –, dass es Höhen und Tiefen in den Beziehungen zwischen unseren Regierungen gibt. Dies sollte uns weder erschrecken noch entmutigen. Weil wir alle wissen, was strategische Interessen der fremden Mächte bedeuten. Folglich ist der Weg in Richtung einer kompletten Normalisierung auf Regierungsebene möglicherweise ein noch langer. Für uns aber müsste das Hauptelement die Frage sein, ob die beiden Völker wirklich reif sind, voranzuschreiten, nicht nur, weil es das ist, was sie wünschen, sondern vor allem, weil es in ihrem Interesse ist.

Unsere eigene Initiative, die der gewöhnlichen griechischen und türkischen Bürger, beruht demnach zuerst einmal auf den objektiven Bedingungen und zweitens auf der Reife der beiden Völker. Aus diesem Grunde ist sie positiv, lebendig, realistisch und hat Pioniercharakter, da sie die tatsächlichen Interessen unserer beider Völker ausdrückt. Besonders in diesen Tagen, wo eine gewisse Anzahl von allmächtigen internationalen Kräften den Entwurf militärischer Konflikte in unserer Großregion in die Tat umgesetzt haben, sind wir Griechen und Türken in Gefahr, Teil des Problems zu werden und uns im Netz dieser internationalen Strategien zu verstricken. Wir erleben den Druck, der auf unser Nachbarland ausgeübt wurde, damit es am Irak-Krieg teilnehmen soll. Derselbe große Druck wurde auch auf Zypern ausgeübt, damit es JA zum Annan-Plan sagte. Man fragt sich warum. Was haben sie im Hinterkopf bezüglich der Rolle Zyperns in ihren zukünftigen Plänen?

Was ist unter solchen Bedingungen im Interesse dieser Todesplaner? Die Eskalation der Spannungen oder das Verständnis zwischen Griechenland und der Türkei? Weil ich glaube, dass es erstere ist, das heißt die Eskalation der Spannungen, die in ihrem Interesse ist, erwarte ich neue Schwierigkeiten auf höchster Ebene.

Das ist ein weiterer Grund, der unsere Bemühung noch nützlicher und heilsamer sowohl für unsere beiden Völker als für die Verteidigung des Friedens macht.

Lieber Bürgermeister, ich möchte Ihnen auch für die Gelegenheit danken, die Sie mich gegeben haben, den Geburtsort meiner Mutter zu besuchen. Er war dies etwas, das ich mir immer sehr gewünscht habe. Es war eine große persönliche Notwendigkeit für mich, und so lange mir das nicht gelungen war, war mir, als ob ich nur einen Flügel zum Fliegen hätte. Von 1933 bis zum Krieg 1940, das heißt zwischen meinem 8. und meinem 14. Lebensjahr, pflegte ich, den Sommer hier in Chios zu verbringen, in dem Haus, wo meine Eltern und die Verwandten meiner Mutter gelebt haben. Das, was sich tief in meiner Seele eingepflanzt hat, war das tägliche Ritual, als meine Großmutter Stamatia mit ihren zwei Schwestern, Erofili und Marigaki, und ihre zwei Töchtern, Froso und Aspasia – meine Mutter – am Nachmittag das Fenster öffnete, von dem aus wir Kleinasien sehen konnten. Es wurde der ganze Tag geschlossen gehalten, damit es so lang geöffnet werden konnte, wie das Ritual andauerte, das mit dem Absingen von Hymnen vor den Ikonen begann. Dann wurden die Fensterläden geöffnet, und während die Frauen hinüber sahen, begannen sie zusammen zu weinen, sich zu umarmen und zu küssen. Danach schlossen sie die Läden wieder und gingen zur Truhe, in der sie die Eigentumsbriefe aufbewahrten, die die damalige Regierung den Flüchtlingen zum Trost gegeben hatte. Tante Erofili nahm die Papiere heraus und drückte sie fest an ihre Brust. Dann begann sie wieder zu weinen, diesmal still. Die Frauen waren so tief in der Tragödie ihrer Seelen versunken, dass sie den kleinen Jungen nicht einmal beachteten, der ihnen ängstlich folgte und versuchte, zu verstehen, was um ihn los war.

Natürlich bewirkte dieses tägliche Ritual eine tiefe Wunde in meinem Herzen, das bis gestern blutete. Gestern aber, als ich den Fuß auf das heilige Land setzte, glaubte ich, dass sich in mir die Schatten der Frauen beruhigten, um sich wohl zu fühlen, und zusammen mit ihnen fühlte ich mich auch wohl.

Sie könnten mich nun fragen, warum ich jetzt mit meinen achtzig Jahren die zwei Flügel benötige. In der Tat, ist die Erfüllung der „Pflicht“, wann immer dies der Fall ist, ein großes Geschenk für jemanden, der seine Integrität bis zum Ende bewahren möchte.

Diese sind die wenigen Dinge, die ich Ihnen sagen wollte, und ich möchte schließen, indem ich Worte der Liebe ausweite auf Sie alle, die mir zuhören, auf Sie alle, die Sie geglaubt und gearbeitet haben, damit diese Feiern stattfinden konnten, und auf alle, die sich für die große Idee des Friedens einsetzen, die die einzige Gewähr für den Wohlstand der kommenden Generationen darstellt. Nun: Wir haben unsere Kämpfe und unsere Arbeit aufgenommen, damit unsere Kinder und Enkelkinder glücklich leben und die Geschenke des Lebens ohne Kriege und Katastrophen genießen können. Fester Glaube und ein nicht nachlassender Kampf werden verlangt, damit wir dies erreichen können, so dass die drei großen Werte: Freiheit, Frieden und Kultur bewahrt bleiben können.

Chios, 8.9.2005

© Mikis Theodorakis
Deutsche Übertragung : © Guy Wagner










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