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29.07.05: Ein gerader Weg auf verschlungenen Pfaden






Mikis Theodorakis - Photo: Guy Wagner
Mikis Theodorakis hat seine Autobiographie „Die Wege des Erzengels“ betitelt (Bände 1-3, Editions PHI), in Anspielung auf seinen Namenspatron Michael. Im Gegensatz aber zu dem, was weiterhin behauptet, da nicht verstanden wird, waren seine Wege nicht verschlungen, sondern gradlinig und zielgerichtet. Die Politik seines Landes aber war es nicht.

Es ging Theodorakis immer um die Einheit und die Ehre seines Volkes. Dafür aber hat er nicht die Partei gewechselt, sondern Partei ergriffen,… für die, denen es nicht um Macht ging, sondern um Dienst am Volke, ob dies im gegebenen Fall die Kommunisten, die Eurosozialisten oder die Konservativen waren. Er ist auch nicht als Parteimensch im Parlament gewesen, sondern als Unabhängiger und ist „sich selbst und seinem Ideal der politischen Wahrhaftigkeit treu geblieben“ (Annedore Smith).

Theodorakis hat den Einsatz für seine Heimat und sein Volk immer als erste Bürgerpflicht, ja, als seine Schuldigkeit angesehen: nicht umsonst heißt sein Tagebuch als Gefangener der Junta „To Chreos“ (Die Schuld).

Dieses Engagement begann im 2. Weltkrieg: Ab 1943 war Theodorakis, ebenso wie seine spätere Frau Myrto Altinoglou, bei den Partisanen, und mehrmals war der noch nicht Zwanzigjährige in akuter Lebensgefahr.

Als die Briten aber den griechischen Partisanen ihren Sieg aberkannten, weil es sich dabei mehrheitlich um Kommunisten handelte, war Mikis nicht bereit, seine Ideale zu verleugnen. Daraufhin wurde er auf der KZ- und Todesinsel Makronissos zweimal lebendig begraben und so furchtbar gefoltert, dass er heute noch an den Spätfolgen dieser Torturen leidet.

1954 zog er mit seiner jungen Frau nach Paris, wo er am Konservatorium Schüler von Messiaen und Eugène Bigot wurde. Auf dem Höhepunkt seines jungen Schaffens, aber wandte er sich der griechischen Volksmusik zu, holte sie mit Manos Hadjidakis aus ihrem Ghetto, machte die Dichtung seiner Heimat weltbekannt und vermittelte den Griechen ein Selbstgefühl, das sie bis dahin nicht kannten. Meilensteine dieses Schaffen waren: „Epitaphios“ nach Yiannis Ritsos, „Axion Esti“ nach Odysseas Elytis, „Mauthausen“ nach Iakovos Kambanellis.

Dass Theodorakis 1967 die Junta als eine Schande für sein Volk betrachtete, war nur selbstverständlich, dass die Obristen in ihm ihren ärgsten Feind sahen, nicht weniger. Sie verboten sogar das Anhören seiner Musik, und erst nach drei furchtbaren Jahren mit Inhaftierung, Verbannung, KZ, konnte Theodorakis ins Exil, wo er den Kampf verstärkt aufnahm und zum Symbol des Widerstands gegen die Diktatur wurde.

Die Zeit der Missverständnisse

Am 24. Juli 1974 kehrte Theodorakis triumphal in seine Heimat zurück, aber bei den Novemberwahlen wurde er geschlagen, weil er erkannt und erklärt hatte, dass nur der konservative Karamanlis eine Rückkehr des Militärs verhindern konnte. Als die KP als stärkste Linkskraft aus den Wahlen von 1978 hervorging, schlug er ein Bündnis um sie vor, da er die Gründung der PASOK als Verrat an der griechischen Linken ansah, und 1989 war er so von den Skandalen um Andreas Papandreou angeekelt, dass er sich für eine Allparteienkoalition einsetzte… mit den Kommunisten, die so erstmals nach 1944/45 wieder in die Regierung kamen.

Danach plädierte er für die konservative „Neue Demokratie“ und übernahm sogar ein Ministeramt, um mitzuhelfen, dem Land aus dem Schlamassel zu helfen.

Der Rückzug 1995 von jeder öffentlichen Tätigkeit hat Mikis Theodorakis nicht daran gehindert, lautstark seine Meinung zu sagen und sich für den Frieden mit der Türkei und gegen die Interventionen in Jugoslawien, Afghanistan und im Irak zu engagieren: Noch vorgestern hat er die aktuellen Terroranschläge als Konsequenz des amerikanischen und britischen Einsatzes im Irak bezeichnet.

Wie er es geschafft hat, bei all dem, was er hat erleiden und erdulden müssen, 80 zu werden, ist wohl sein Geheimnis, doch sind die Kreter bekannt für ihre Zähigkeit und Langlebigkeit.

Unsere herzlichsten Glückwünsche an den zähen, einsamen Kämpfer und wunderbaren Musikschöpfer.

Dieser Artikel erschien zum 80. Geburtstag, am 29. Juli 2005 im tageblatt, Luxemburg





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