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28.07.05: Mein Beitrag ist nur die Musik





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Morgen begeht Mikis Theodorakis seinen 80. Geburtstag. Aus diesem Anlass sprach der in Berlin lebende griechische Germanist, Herausgeber und Übersetzer Asteris Kutulas mit dem griechischen Komponisten, der vor allem durch die Filmmusik zu "Alexis Zorbas" und den "Canto General" weltbekannt wurde, über Musik, Politik und Vision.

Frage: Sie haben schon in der Kindheit begonnen, Lieder zu komponieren.

Mikis Theodorakis: Mein Vater war Staatsbeamter, und wegen der vielen Versetzungen zog unsere Familie während meiner Kindheit immer wieder um. Jedesmal wurde ich, kaum hatte ich mich an eine bestimmte Umgebung gewöhnt, schon wieder aus ihr herausgerissen. So war die Beschäftigung mit Musik und Literatur eine Art Ausweg und zugleich ein Halt während dieses ständigen Hin und Her.

Sie waren auch lange hin und her gerissen zwischen westlicher Kompositionstechnik und griechischer Tradition.

Mikis Theodorakis: Paradoxerweise begann ich meine musikalische Laufbahn ja als "westeuropäischer Komponist". Ich hörte bereits in meiner Jugend einige wenige klassische Meisterwerke, die mich aber so begeisterten, dass ich beschloss, Komponist zu werden. Am Konservatorium von Athen, das ich ab 1943 besuchte und das nach westlichem Vorbild arbeitete, wurde nur die mitteleuropäische Musiktradition gelehrt. Erst später entdeckte ich die traditionelle griechische Musik.

Wie stehen Sie zu dem Begriff "politischer Komponist"?

Mikis Theodorakis: Meine Musik hatte niemals eine politische Intention. Sie wurde allerdings in den 60er Jahren in Griechenland zu einem Ausdrucksmittel gesellschaftlichen Freiheitswillens. Und sie wurde von der Junta, die sie sieben Jahre lang verboten hatte, durch dieses Verbot zu einem Politikum ersten Ranges gemacht.

Sie haben sich aber wie kaum ein anderer Komponist in das politische Tagesgeschehen Griechenlands eingemischt.

Mikis Theodorakis: Mein ganzes äußeres Leben, meine politischen und kulturellen Initiativen hatten nur einen Grund: Ich wollte einen Dialogpartner für meine Musik. Ich begriff 1960 nach meiner Rückkehr von Paris nach Athen sehr schnell, dass ich, wenn ich als Komponist überleben wollte, ein Publikum brauchte, das meine Kompositionen aufnehmen und verarbeiten kann. Aber solch ein Publikum muss erst einmal in demokratischen Verhältnissen leben - und es muss seine elementaren Grundbedürfnisse befriedigt haben: Bildung, Gesundheit, Meinungsfreiheit, Arbeit. Erst dann ist es frei und in der Lage, künstlerische Schöpfungen zu "konsumieren", überhaupt genießen zu können. Im Griechenland von 1960, und erst recht während der Juntazeit 1967 bis 1974, gab es diese Voraussetzungen nicht. Also sah ich mich gezwungen - um meine kompositorischen Ambitionen verwirklichen zu können -, für die Durchsetzung der demokratischen Grundrechte in Griechenland einzutreten. Ich tat dies also aus rein egoistischen Gründen - nicht aus ideologischen, nicht aus einem verkehrten Bewusstsein heraus.

Wann begann Ihre Beschäftigung mit Politik?

Mikis Theodorakis: Also, das war nicht nur eine "Beschäftigung". Ich wurde während des Zweiten Weltkriegs Anhänger der kommunistischen Linken, als sie jene Kraft darstellte, die in Griechenland für Freiheit und Demokratie eintrat. Aber schon während des sich anschließenden Bürgerkriegs, zwischen 1946 und 1949, wurde mir das größte Problem dieser Bewegung bewusst: ihre fehlende innerparteiliche Demokratie.

Sie sind vom Kommunisten zum Sozialisten und später zum Konservativen geworden. Wie stehen Sie dazu?

Mikis Theodorakis: Meine politische Laufbahn in den letzten 30 Jahren hat aus mir einen "Europäer" gemacht. Ich war Kommunist beziehungsweise sympathisierte mit den Kommunisten, glaubte an das Experiment des Sozialismus. Schon vor der Junta und dann während der Niederschlagung des Prager Frühlings distanzierte ich mich von der Praxis des real existierenden Sozialismus.

Sie haben in den 70er und 80er Jahren hunderte Konzerte in Westeuropa gegeben, aber fast kein einziges in den sozialistischen Ländern, außer einigen wenigen in der DDR.

Mikis Theodorakis: Ja, in den sozialistischen Ländern war ich wegen meiner verqueren unorthodoxen politischen Haltung verboten, was nur in der DDR ab 1980 anders gehandhabt wurde. Aber man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass ich zu einer ganzen Generation der DDR enge emotionale Bindungen habe, ausgehend von der Kartenaktion zu meiner Befreiung 1967/68 in den DDR-Schulen. Im Athener Gefängnis erreichten mich, dank eines Wärters, mehrere Säcke mit diesen Karten, mit denen ich meine Zelle tapezierte.

Gibt es für Sie noch eine gesellschaftliche Utopie, die irgendeinen realen Ansatzpunkt hätte?

Mikis Theodorakis: Nein! Und dieser Fakt führt mich zur Einsicht: Von jetzt an sehe ich meinen Beitrag nur in der Musik, aus der einzig meine persönliche Befriedigung erwächst.

© Leipziger Volkszeitung vom Donnerstag, 28. Juli 2005

Da das Interview inzwischen auf den Internetseiten unauffindbar ist, haben wir uns erlaubt, es hier nachzuveröffentlichen





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