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15.01.99: Der ganze andere Zorbas von Cham





Zorbas in Cham
"Gerade dann, wenn eine völlige Tragödie stattgefunden hat, hat Zorbas Kraft genug, dem Leben entgegenzutreten, weiterzugehen und das Leben so zu nehmen wie es ist. Dies ist vielleicht der Grund, warum wir so fasziniert von dieser Figur sind." (Theodorakis)

Seit das Ballett "Zorba the Greek" 1988 von Verona aus seinen weltweiten Siegeszug angetreten hat, gab es weit mehr als sechshundert Aufführungen, von denen die meisten die ursprüngliche Choreographie von Lorca Massine übernahmen. In dieser Choreographie war das Werk übrigens sowohl in Esch (1992) als in Luxemburg (1995) zu sehen.

Es mußte daher schon jemand sich an das Werk heranwagen, der völlig unbelastet war von der Choreographie Massines mit ihrer sehr realistischen, erzählerischen Grundlage, um dem Werk neue Aspekte und neue Dimensionen abzugewinnen.

Das war vor kurzem der Fall in dem kleinen Schweizer Städtchen Cham, nahe Zug.

Und als die Aufführung von "Alexis Zorbas" zu Ende war, blieb man ganz einfach fassungslos. Fassungslos vor soviel Mut, Risikobereitschaft, Engagement, vor soviel Begeisterung, Solidarität, Zusammenarbeit, vor soviel Können, soviel Kunstfertigkeit, soviel Kunst.

Man stelle sich nur vor: Da hatte einer Theodorakis' wunderbare Musik – eine seiner schönsten überhaupt, seine Huldigung an Kreta, die Insel seiner Väter, und an seinen Vater selbst! – gehört und war davon so begeistert, daß es für ihn Ehrensache wurde, dieses Werk in seiner Heimat auf die Bühne zu bringen, und dann setzte er, Christian Unternährer, Himmel und Erde in Bewegung um ein "Spektakel der besonderen Art", wie es in der Ankündigung hieß, zu verwirklichen.

Zwei Jahre arbeiteten zuerst wenige, dann immer mehr an diesem Projekt. Christian Unternährer und sein Partner Thomas Fischer gewannen den Dirigenten Michael Schuler dafür, der sein Metier bestens versteht und beherrscht.

Dieser stellte ein Ensemble aus Berufsmusikern und Amateuren zusammen: das Orchester Cham-Hünenberg und die Sinfonietta aus Zug, und, was Homogenität und Klangintensität angeht, überzeugte es durch eine eindrucksvolle Darbietung, die aber noch das unschätzbare Plus einer mitreißenden Begeisterung hatte.

Ein Chor von siebzig Sängerinnen und Sängern wuchs zusammen und wurde noch verstärkt von zehn Sängern des "Mixed Choir and Mandolin Orchestra of St. Dimitrios" aus Kretas Hauptort Heraklion. Er sang, hervorragend einstudiert von Tim Socha, die vielen Chorpartien auswendig (!) auf griechisch: Man mußte es erlebt haben, um es zu glauben. Und dazu war er in die Handlung eingebunden, ebenso die Solistin Claudia Iten, die ihre beiden herrlichen Melodien in ihrem Gesang miterlebte: ein Verdienst von Etienne Frey, der die Choreographie verwirklichte und ohne Vorbilder an seine szenische Deutung der Musik heranging, da er "Zorbas" nie zuvor gesehen hatte.

Die Tanzbühne im bestens eingerichteten Lorzensaal ließ er mitten durch den Zuschauerraum gehen. An dem einen Ende spielte das Orchester, an dem anderen, zu dem auch der Balkon gehört, sang und wirkte der Chor. So wurde auch das Publikum in den Ablauf des Geschehens einbezogen.

Frey stellte dessen tragischen Charakter geschickt heraus, denn wenn auch am Schluß von "Zorba the Greek" die große Versöhnung mit dem Schicksal im Tanze stattfindet, so sollte man nicht vergessen, worauf diese Versöhnung beruht: Zwei Frauen mußten sterben, bevor es zum ungestümen Ausbruch des Dionysischen und zur gewaltigen Ekstase der Körper im Tanze kommt, der zum Ausdruck einer unendlichen Hoffnung wird.

Der eigentliche Geniestreich von Freys Arbeit war eine neue Figur, die er in die dramaturgische Entwicklung einbaute, die des Schicksals, eindrucksvoll getanzt von Kendra Walsh. Damit hob er seine Deutung über das Narrative hinaus ins Symbolische.

Zwölf Tänzer des "Sinopia Ensemble de Danse" aus La Chaux-de-Fonds und des "Tanzensemble Cathy Sharp" aus Basel genügten ihm, um eine sehr transparente Choreographie zu schaffen, die bewußt nicht einfach nur spektakulär war, sondern die differenzierten Charaktere der Ausführenden bestens herausstellen konnte. Sehr einfühlsam tanzten Cathy Dethy als Marina und Sorana Ploata als Hortense, beeindruckend stark wirkte Robert Russell als John, und Etienne Frey selbst war ein brillanter, aber vor allem sehr menschlicher Zorbas. Zum positiven Gesamteindruck trugen auch die schönen leichten Kostüme von Sarah Grangier und die einfühlsame Lichtgestaltung von Brigitte Dubach bei.

So wundert es nicht, daß das Publikum, das während der Aufführung immer stärker mitging, am Schluß einstieg in die Begeisterung aller Beteiligten und mit minutenlangem Beifall dankte für ein Wagnis, das einem Meisterwerk neue Dimensionen gegeben hat und deutlich machte, wie ehrlich und unverfälscht, wie frisch und ewig jung die wunderbare Musik von Theodorakis ist.

In Cham entstand sie sozusagen neu.

Guy Wagner



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