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Martin Foilz - Photo: Musiikverlag Hayo
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Eigentlich war die Aufführung von sechs Teilen des gewaltigen „Canto General“ von Mikis Theodorakis auf die Texte des Literaturnobelpreisträgers von 1971, Pablo Neruda, ein doppeltes Musikerlebnis.
Im ersten Programmteil des Konzertes im Kongreßzentrum von Saarbrücken erfolgte, in Anwesenheit der Kulturminister aus Luxemburg und dem Saarland, die glückliche Geburt des ersten deutsch-französischen Jugenchores, der nach dem Namen eines der Väter Europas, Robert Schuman getauft wurde. Das vielversprechende Kind, das sich sehr melodiös und harmonisch mit vielen Stimmen ankündigte, beeindruckte durch seine Regheit und sein kluges Erfassen der musikalischen Welt. Seine beiden Väter, Florent Stroesser aus Metz und Martin Folz aus Saarbrücken, dürfen sich berechtigte Hoffnungen machen, daß seine Zukunft eine schöne sein wird, da sie bereits jetzt vielversprechend ist.
Anders sieht es um die Chorgemeinschaft aus, die den „Canto General“ interpretierte: Der „Europäische Projektchor“ ist vorerst eine einmalige Zusammenkunft junger Menschen aus vier Ländern – Saarland, Frankreich, Spanien und Luxemburg – gewesen, die sich in der guten Atmosphäre der Europäischen Akademie Otzenhausen, wo es normalerweise um Politik, Wirtschaft, Soziales geht, zusammengefunden hatten, und mit der Unterstützung des Institut Européen de Chant Choral und des Saar-Sängerbundes, während zehn Tagen den „Canto General“ unter der Leitung von Martin Folz einstudierten und vor einem angeregten Publikum zur Aufführung brachten.
Die Einmaligkeit einer Darbietung
Und so liegt denn auch das Einzigartige dieser Darbietung in der Begeisterung und dem Gefühl der Zusammengehörigkeit, die von den Sängern ausging und sich auf den Saal übertrug. Man spürte förmlich, daß und wie die jungen Menschen zwischen 16 und 25 Jahren das Werk erlebten. Sie rissen mit, und so war ihre Darbietung denn auch mitreißend.
Zugleich aber war sie erstaunlich nüanciert, fein artikuliert: das Textverständnis war optimal, und die Diktion zum Teil überraschend für Zuhörer, die den „Canto General“ von Tonaufnahmen her kennen. Das dürfte wohl einer der Beiträge der jungen spanischen Sänger gewesen sein! Höhepunkte waren uns in dieser Hinsicht: „Neruda Requiem Aeternam“, „America Insurrecta“ und „Vienen los Pajaros“, mit hinreißender Dynamik erfüllt.
Die Instrumentalisten waren einzeln und als Ensemble exzellent in die Gesamtgestaltung integriert und sorgten für eine fein abgestufte klangliche Differenzierung, die eben auch eine Stärke des Dirigenten Martin Folz ist. Seine erste Annäherung an die schwierige Partitur wartete mit originellen und spannungsreichen Lösungen auf., und auch seine Begeisterung wirkte ansteckend.
Doch konnte der Schwachpunkt dieser Darbietung nicht übersehen, vielmehr überhört werden: die Solisten. Nach ihrer brillanten Darbietung der Canto-Partitur unter Pierre Cao von 1992 durfte man sich viel von Danièle Kohll erwarten; umso herber war daher unsere Enttäuschung, nicht nur, weil der Beginn von „Lautaro“ völlig denebenging, sondern weil die Sängerin überhaupt nicht hinter ihrer Partie stand. Carlos Migy war sicher in besserer stimmlicher Verfassung, doch seine Stimme ist wie ein noch ungeschliffener Stein, und auch ihm fehlte, wenigstens teilweise, die Identifikation mit dem Werk. Am stärksten noch war sie in „Voy a vivir“.
Nun ist eine Kette aber nur so stark wie ihr schwächstes Glied, und daher wollen wir vor allem die Einzigartigkeit dieser Begegnung junger Menschen im Dienste eines großen Werkes zurückbehalten. Diese wird uns allerdings in eben so starker Erinnerung bleiben, wie sie es sicher auch für die Teilnehmer selbst tut, im Wissen um eine Dichtung und um eine Musik, die einmalig in der aktuellen Chorliteratur sind, im Wissen auch um das Gemeinsame, was „Europa“ darstellen kann, wenn es auf diese Art verwirklicht wird.
Guy Wagner
in "kulturissimo", 09.09.98
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