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2. Theodorakis und die Generation gleichaltriger Komponisten in Westeuropa




Beeinflussen Kompostionen von Bartók, Schostakowitsch und Strawinsky den jungen Theodorakis in seinen Athener Studienjahren, wird er in Paris zwischen 1954 und 1960 in der Klasse Olivier Messiaens mit der Musik der westeuropäischen Avantgarde konfrontiert.

„Das Seminar für Musikanalyse von Messiaen war sozusagen der Salon, den alle Stars der Epoche durchschritten“, sagt Theodorakis. Boulez, Stockhausen und der alte Gefährte Iannis Xennakis, alle - wie Theodorakis - Schüler Messiaens, dokumentieren mit ihren Zwölftonkompositionen und elektronischen Experimenten, dass sie sich von den Musiktraditionen ihrer Länder gelöst haben.

Theodorakis steht nun vor der Frage „Für wen“ schreibt der Komponist im 20. Jahrhundert, wen will er erreichen?

In Westeuropa prägen das Musikleben der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ca. 40 Jahre in besonderer Weise fast gleichaltrige Komponisten wie Kunadis, Nono, Stockhausen, Xenakis und nun über 50 Jahre Boulez, Henze und Theodorakis.

Der wie Theodorakis im selben Jahr geborene Boulez führt Messiaens Schule fort, höchst kompliziert und freitonal.

Ebenso Stockhausen, Bahnbrecher elektronischer Klänge.

Kunadis bezieht zwar Elemente griechischer Musiktradition in sein Werk ein, befreit sich jedoch nicht aus der Verstrickung seines atonalen Netzwerks.

Xenakis vernichtet 1952 in Paris jeden musikalischen Bezug zu Griechenland. Er komponiert nach streng mathematischen Gesetzen, bedient sich mannigfaltiger elektronischer Möglichkeiten.

Nonos Kompositionen drücken die permanente Bedrohung des Menschen aus, Zerstörung, Hunger, Krieg. Das Schöpferische und die Idee seiner Kompositionstechnik sind bisher nicht enträtselt. Nonos Wunsch „Klarheit zu schaffen“, muss noch eingelöst werden.

Henzes Komplexität verschafft nicht nur der Verunsicherung und Einsamkeit Gehör. Seine kompositorischen Qualitäten bewahrheiten sich immer wieder durch die Aufführungen seiner Werke.

Drei Richtungen bestimmen nach 1950 immer stärker die Musik:

* Die erste zielt auf die Minderheit. Es sind die Privilegierten, die intellektuelle Spielerein der Komponisten, damit vor allem das Spezialistentum fördern.
* Die zweite Richtung wendet sich an den passiven Massenkonsumenten. Sie führt zur Desorientierung der Menschen, zum Konsumhandeln.
* Die dritte Richtung aber soll eine Musik für die existentiellen Bedürfnisse der Menschen sein: Sie soll Antworten geben auf Fragen nach Geburt, Leben, Tod, Freiheit, Liebe, Zusammenleben. Sie soll in den gewaltigen Auseinandersetzungen unserer Zeit durch kompositorische Versuche Antworten und mögliche Lösungen vermitteln und dabei in den herrschenden Strömungen nicht untergehen, sondern bestehen und die Menschen aufrichten.

Theodorakis sucht und entwickelt eine eigene Kompositionsmethode, um seine Unabhängigkeit und Ungebundenheit zu bewahren. Sie öffnet ihm neue
Ausdrucksmittel. Theodorakis will eine Musik komponieren, die nicht nur die Menschen repräsentiert, sondern die Menschen sollen sich durch seine Musik artikulieren. Das heisst, Kunstwerke, Komposition und Dichtung sollen zum Eigentum der Menschen werden, Lieder, Oratorien, Sinfonien, Kammermusik.

Mehrere große Koordinaten treffen sich immer wieder in einem Augenblick in Theodorakis Kompositionen: Griechische Volksmusik, byzantinische Kirchenmusik, rebettische Musik, kammermusikalische und sinfonische Musik.

Seine „Kleine Suite“ komponiert Theodorakis - wie er sagt - gegen die „Übermacht der extremen Zwölftönigkeit“. Hier werden in Melos und Rhythmus die griechischen Quellen hörbar. Die sich ständig steigernden dissonanten Klangspannungen zeugen vom Einfluss westeuropäischer Kompositionstechniken.
Diese Musik atmet Leben, zeugt vom „Klang als Ausdruck des Lebens“ - wie Theodorakis seinen Anspruch an die Gestaltung des musikalischen Materials artikuliert.


© Gerhard Folkerts, Hamburg 2005

Zweiter Teil eines Vortrags im Rahmen eines Gastkonzerts zum 80. Geburtstag von Mikis Theodorakis im Goethe Institut Athen am 18. April 2005

Teil 1
Teil 3
Teil 4





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