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1. Die Theodorakis-Rezeption in Deutschland





Mikis Theodorakis und Gerhard Folkerts - Photo: Guy Wagner
Durch die Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Mai 1949 und die darauf im Oktober desselben Jahres erfolgende Konstituierung der Deutschen Demokratischen Republik existieren bis 1990 zwei deutsche Staaten.

Da die Regierungen beider Staaten ihre ideologische Auseinandersetzung dogmatisch führen, durchschneidet der „Eiserne Vorhang“ nicht nur das deutsche Land, er existiert schließlich auch in den Köpfen der Menschen.

Die Folge ist:

In Deutschland wird Theodorakis ausschließlich als politischer Komponist von Liedern und weltlichen Oratorien wahrgenommen. Seine Kammermusik, seine Sinfonien, seine Opern stehen dort noch vor ihrer Entdeckung.

Nach 1949 versucht Westdeutschland Jahrzehnte lang die Trauerarbeit, die Aufarbeitung deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts zu unterdrücken. So geschieht es, dass kein Verlag in der BRD Theodorakis‘ Kompositionen druckt. Erst nach 1990 kommt es zu einer Zusammenarbeit zwischen dem Romanos Verlag in Athen und dem Schott Verlag in Mainz. Jetzt erst besteht Informationsfreiheit im musikalischen Bereich.

Ostdeutschland lässt vor 1989 keine unzensierten Aufführungen bürgerlicher Künste zu. Es schränkt alle Westkontakte auf ein Minimum ein, druckt aber Werke ausländischer sozialistischer und kommunistischer Komponisten; so zum Beispiel Theodorakis 1., 2. und 3. Sinfonie, die Sonatine für Klavier, die zwei Sonatinen für Violine und Klavier.

Als Theodorakis Anfang der 70er Jahre aus der Kommunistischen Partei austritt, trifft seine Kompositionen in der DDR das Aufführungsverbot. Außerdem wird der Verkauf von Schallplattenaufnahmen eingestellt. Der Bannstrahl erlischt acht Jahre später und in der DDR werden Theodorakis‘ „Liturgie in H-Moll“, die deutschen Fassungen von „Axion Esti“, „Canto General“, der „Sadduzäer Passion“ und die 2., 3. und 7. Sinfonie aufgeführt.

Theodorakis‘ Werke heute aufzuführen, erfordert, dem ganzen Menschen Theodorakis gerecht zu werden: dem Komponisten, Dirigenten, dem Dichter, dem politisch Handelnden, dessen Liebe den Menschen, vor allen seiner Familie und dem Griechentum gehört.

Theodorakis‘ Kompositionen in Deutschland aufführen, heißt auch, verständlich machen, wie in der Biografie dieser einmaligen Künstlerpersönlichkeit sich die jüngste Geschichte Griechenlands und Europas und die Kraft des Griechentums, das 400 Jahre Besetzung und Fremdherrschaft und grausame Diktaturen nicht in die Knie zwingen konnten, widerspiegeln.

Theodorakis heute aufführen bedeutet, den „Klang als Ausdruck des Lebens in seinen existentiellsten Augenblicken, der über den Tod hinausgeht“ hörbar,
erfahrbar zu machen: den „quälenden Klang“ ebenso wie den Ausdruck des Schönen, der Liebe, der Freiheit.

Theodorakis aufführen bedeutet vor allem - wie er sagt - „Freude aus der Musik zu gewinnen, dass man sich reicher, anspruchsvoller, stärker fühlt. Sie muss zum Nachdenken führen, zum Wunsch nach einem schöneren Leben. Die Menschen finden sich in ihr wieder, um die Vergangenheit zu überwinden, nicht um Hass, sondern um Liebe zu säen“.

Die Theodorakis-Rezeption in Deutschland wandelt sich zur Zeit. Durch das Kennenlernen seiner Musik wächst die Neugier der Deutschen, mehr von seiner Musik zu erfahren. Somit wächst auch das Interesse an Musik, Literatur- und anderen Geistesströmungen, und am Leben in Griechenland heute.


© Gerhard Folkerts, Hamburg 2005

Erster Teil eines Vortrags im Rahmen eines Gastkonzerts zum 80. Geburtstag von Mikis Theodorakis im Goethe Institut Athen am 18. April 2005

Teil 2
Teil 3
Teil 4






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