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Mikis Theodorakis und Yannis Ritsos in Dresden 1984
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Als ich in der Verbannung in Zatouna war, kam mich einen Nachts der Bezirkschef der Gendarmerie besuchen, um mich, als wären wir seit langem Vertraute, zu fragen, ob ich einen Herrn Ritsos näher kenne.
Damals, während der Zeit der Junta, hatten wir einen Bürgermeister von Athen, der Ritsos hieß. Ich antwortete also: "Den Bürgermeister von Athen? Nein, ich kenne ihn nicht persönlich." Darauf der andere: "Den meine ich doch nicht. Es muss jemand anders sein, der irgendwas Besonderes ist, Wissenschaftler oder Schriftsteller, was weiß ich." Ich hakte nach: "Warum fragen Sie?".
"Weil wir ein geheimes Rundschreiben erhalten haben, das besagt, daß wir verhindern sollen, daß irgend ein Text dieses Herrn Ritsos hierher nach Zatouna zu dir gelangt. Welchen Text könnten die damit meinen?" wollte er wissen, "Ein Manifest oder einen politischen Aufruf?". "Ach was", antwortete ich, "es wird sicher ein Gedicht sein, und wenn ja, dann aber eine Gedicht-Bombe." Und kurz danach erhielt ich den Text.
Es muß 1962/63 gewesen sein, als mich eine Abordnung des Komitees "Frauen politischer Häftlinge" besuchte. Damals waren etwa noch 5.000 Kommunisten gefangen. Und sie ersuchten mich, sie auf besondere Art zu unterstützen: Ich sollte einige Lieder für die Gefangenen komponieren. Aus diesem Grund waren sie auch bei Ritsos gewesen. Er bot ihnen Teile aus seinem Band "Prüfung" an, woraus die Frauen "Griechentum" auswählten. Sie erhielten von ihm neun handschriftliche Auszüge und brachten mir diese. Ich sah die Texte durch, und ich muss sagen, dass ich mich damals auf einer anderen musikalischen Wellenlänge befand. Die Verse sprachen mich nicht sofort an. Außerdem ereignete sich in jener Zeit sehr viel...
1963 um Lambrakis, dann die Wahlen, 1965 der Aufstand usw. Ich war Vorsitzender der Lambrakis-Jugendbewegung, Parlamentsabgeordneter der EDA und hatte viel zu tun. Ich erinnere mich, daß sich in meinem Haus sehr viele Papiere stapelten, darunter eine große Anzahl von Gedichten. Ritsos` Verse legte ich in eine Ecke, und mit der Zeit wurden sie unter anderen Papieren begraben. So vergingen die Jahre.
1966, im Januar, feierten wir wieder das Epiphanie-Fest. An diesem Tag wird das Kreuz ins Meer geworfen, am Tag der Taufe Christi. Es ist Brauch, daß sich die Menschen in den Häfen versammeln, und die Jugendlichen tauchen nach dem Kreuz. Wer es zu fassen bekommt, geht in den Dom und empfängt bestimmte Geschenke. So wird das Wasser des Meeres geheiligt. Die Zeit um 1966 war stark von den Auswirkungen der Regierungspolitik geprägt, die vom König geduldet wurde. Er plante, die traditionelle Prozession, die an diesem heiligen Tag immer stattfand, am Türkenhafen durchführen zu lassen, wir dagegen, die demokratische gesinnten Kräfte, die Zentrumsunion und die EDA, in Piräus. Ich war Abgeordneter aus Piräus. Es waren ungefähr 50.000 Leute gekommen, Grigoris und Andras Papandreou waren anwesend, die Führung der EDA, der Zentrumsunion und natürlich tausende Lambrakiden.
Als die Prozession beendet war, verließen zuerst die Anhänger der Zentrumsunion den Platz und dahinter kamen wir, die Lambrakiden. Ich führte den Zug an. Und vor dem Volkstheater, als die Zentrumsleute bereits vorbei waren, isolierte uns die Polizei systematisch, griff die Lambrakiden an und schlug zu. Auf mich zielten sie ebenfalls, trotz meiner parlamentarischen Immunität. ich wurde auf die Straße, in den Schlamm gestoßen, und die Polizei begann, mich mit ihren Schlagstöcken zu traktieren. An diesem Tag wurden hunderte Leute mit Verwundungen ins Krankenhaus eingeliefert.
Schließlich rettete mich ein Kamerad, der immer als Beschützer bei mir war. Seit er gestorben ist, kommt sein Sohn zu jeder Veranstaltung, um mich zu beschützen. Also, mein Freund brachte mich nach Hause. Ich war blutverschmiert und schmutzig und wollte so nicht in die Küche gehen, wo meine Familie aß. Deshalb ging ich in mein Arbeitszimmer, um mich etwas zurechtzumachen, bevor ich zu Tisch gehen würde. Und wie ich da neben dem Klavier stand, entdeckte ich die Abschrift von Ritsos` Texten. Ich las:
"Diesen Bäumen genügt weniger Himmel nicht."
Sie trafen genau das, was ich in diesem Moment ausdrücken wollte. Und nicht wegen der konkreten Begebenheit jenes Tages, sondern wegen der Wolken, die uns bald erwarten sollten. "Griechentum" ist ein Werk, das nicht über die Vergangenheit berichtet, sondern für die Zukunft geschrieben wurde, für das, was kommen würde. Und ich erinnere mich: gänzlich spontan setzte ich mich ans Klavier und begann, die Musik zu schreiben, ein Lied nach dem anderen. Es war, als würde ich die Musik aus den Versen herauslesen. Mein Sohn rief ins Zimmer: "Vater, wir essen!". Ich antwortete: "Gleich! Ich komme." Und so, zwischen den Rufen der Kinder und auch denen meiner Frau, ich solle doch endlich essen kommen, komponierte ich binnen einer halben Stunde "Griechentum". Und ich denke, es hat damit wirklich eine besondere Bewandtnis auf sich. Man bedenke nur, daß diese Verse verloren gewesen wären. Irgendeine unbekannte Hand hatte sie jedoch genau in jenem Moment aufs Klavier gelegt. Und nur so konnte ich dieses Werk schreiben, das die Menschen anfänglich überraschte. Aber als die Junta kam, begriffen sie, warum "Griechentum" komponiert worden war.
Ich glaube, es sind die gemeinsamen Erlebnisse, die gemeinsamen Grundlagen, gleichen Wurzeln, eine ähnliche Sensibilität, was sich durch zwei Wörter benennen lässt: Menschenverehrung und Griechenlandverehrung. Wir sind beide Menschenverehrer, sehen im Mittelpunkt unseres Lebens den Menschen, und andererseits sehen wir Griechenland als die natürliche Umwelt unserer Entwicklung, die in keinerlei Gegensatz zu den Menschen stand. Griechenland als Begriff ist der der Renaissance, allerdings im Zusammenhang mit der Geografie des Landes, mit den Inseln, der Sonne, mit jener blauen Farbe, mit den Traditionen aus der Antike bis zur Gegenwart. Griechenland ist ein Begriff, der tatsächlich den Menschen selbst umfassen kann. So verschmelzen diese beiden Begriffe miteinander, Humanismus und Griechenlandanbetung. Und diese beiden Dinge finden im Kommunismus eine Synthese.
Genau aus diesem Grund kreuzten sich unsere parallel verlaufenden Wege. Wir kannten uns damals noch nicht persönlich. Ich entdeckte Ritsos in meiner Jugend, wie viele meiner Generation ihn damals entdeckten. Er gehörte mit seinen Werken zu meinen Lehrern, zu den einzigen Vorbildern. Und ich bin sehr glücklich, daß ich nach so vielen Jahren in meiner 7. Sinfonie Ritsos` Texte aus jener Zeit verwenden konnte, die meine Jugend prägte.
Die Entfernungen zwischen uns und die parallel verlaufende Entwicklung waren für uns kein Hindernis, um durch eine gemeinsame Sensibilität verbunden sein zu können, und immer, wenn wir einander begegneten, hatte ich den Eindruck, daß jene übereinstimmenden Gedanken im "Epitaph", in "Griechentum", den "Kleinen Liedern", den "Vierteln der Welt" und jetzt, in der 7. Sinfonie, nur einem Menschen gehören, der sich mit zwei Köpfen ausspricht.
Der zweihäuptige Adler! So sehe ich die Verbindung zwischen Ritsos und mir.
© Asteris Koutoulas und Mikis Theodorakis, 1983
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