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Zur Kammermusik von Theodorakis





Trio - Neuausgabe ROMANOS
Wer den Namen Theodorakis hört, denkt sicher nicht in erster Linie an Kammermusik. Während für viele Komponisten gerade die Kammermusik das Feld intensivster dialektischer Auseinandersetzung ist, hat Theodorakis' Ästhetik einen anderen Zielpunkt.

Seit seinem Studium bei Olivier Messiaen und anderen am Pariser Conservatoire ab 1954 hat er konsequent jedem ausschließlich auf Material beruhenden Avantgardismus abgeschworen, dem er nicht nur Lebensfähigkeit abspricht, sondern sogar den Vorwurf reaktionären Adeptentums macht. Ausgangs der fünfziger Jahre begann jene verhängnisvolle Entwicklung, bei der die Ablehnung eines neuen Werks durch das Publikum als schick und geradezu als Qualitätskriterium galt. Für diese abgehobene Arroganz einer ganzen Komponistengeneration konnte sich Theodorakis nie erwärmen, was nicht bedeutet, dass er allen ihren Vertretern feindlich gegenüberstehen müsste. Wohl aber kritisiert er sie, notfalls auch mit scharfen Formulierungen, bis in die Gegenwart, weil sie sich der sozialen Verantwortung des Künstlers bewusst entziehen. Und letztlich ist diese Erscheinung auch der Grund dafür, dass Theodorakis behauptet, die zeitgenössische Musik befände sich in einer Krise, weil sie auf Bedürfnisse und Aufnahmefähigkeit ihrer Hörer nicht eingeht und weil sie ihre ästhetischen Probleme über die ethischen stellt. Mit dieser Meinung ist er schon seit langem nicht mehr der einzige prominente Musiker, der die neue Musik von innen heraus kritisiert.

Gerade diese soziale Verantwortung ist ein Schlüssel zum Verständnis des Œuvres Theodorakis'. Viele sehen darin sogar die entscheidende Schubkraft für sein Werk.

Seit er 1960 nach Griechenland zurückkehrte, hat er sich als Homo politicus in das Geschehen eingebracht und oft genug mit Kompositionen selbst auf Tagesereignisse unmittelbar reagiert. Das bedeutet für ihn zwingend, dass er seine Botschaften nicht verschlüsseln konnte, weil die Adressaten seine Inhalte sofort aufnehmen sollten, also keine Zeit für eine mühsame und zeitaufwendige Decodierung hatten. Die Form durfte nicht ein schwer zu überwindendes Hindernis auf dem Weg zum Inhalt sein. Das ist auch der Grund dafür, dass Theodorakis' Botschaften fast immer an Texte gebunden sind.

Die Musik wird damit zum Transportmittel für das sinntragende Wort. Es wäre aber falsch, daraus eine Unterbewertung der "absoluten“ Musik ableiten zu wollen. Theodorakis' erste und zweite Sinfonie und sein Klavierkonzert sind eindeutige Belege dafür, dass sich Inhalte, die ihm wichtig sind, auch nonverbal zweifelsfrei vermitteln lassen. Dennoch ist Theodorakis' Haltung gegenüber der reinen Instrumentalmusik vielleicht von einem gewissen Maß an Skepsis geprägt, zumindest aber von dem Bewusstsein, dass sie für viele seiner Absichten nicht das am besten geeignete Mittel ist.

So bleibt sein kammermusikalisches Œuvre im Vergleich zum Gesamtwerk (etwa 150 größere Werke und fast 1000 Liedkompositionen) schmal und datiert zudem meist aus den Jahren vor 1960.


© Peter Zacher



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