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CD Dionysos
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Mit den Zyklen »Dionysos« und »Phädra«, die in der Zeit der großen Auseinandersetzung von Theodorakis mit den Medienriesen in Athen erscheinen und auf dem von Hadjidakis gemeinsam mit ihm gegründeten Label »Sirios« veröffentlicht werden, ist der Komponist sowohl seinen Rezensenten als auch den Konzertbesuchern wieder voraus.
Die haben noch immer den Theodorakis der Kampflieder und des Widerstands im Ohr, vergessen aber dabei , daß über zehn Jahre seit dem Sturz der Diktatur vergangen sind und ein politischer Alltag in Griechanland eingekehrt ist, mit dem sich Theodorakis aber auf sehr heftige Art auseinandersetzt.
Zeugnis davon sind so paradox erscheinende, gegensätzliche Zyklen wie eben »Dionysos« und »Phädra«.
»Dionysos« ist die persönliche »Sadduzäer-Passion« von Theodorakis, der Ausdruck seiner eigenen Passion und der seiner Generation der Geopferten und somit der »lebenden Toten«.
Mit diesen Liedern, deren Texte von ihm selbst stammen und dessen Fernsehaufführung während des Wahlkampfes von der Regierung verboten wird, erfolgt bei ihm der Rückgriff auf eine mythologische Figur, die ihn in den folgenden Jahren nicht mehr loslassen wird.
In Dionysos, dem Gott des Weines, der Vegetation, der Trunkenheit, der Maßlosigkeit, - »Wir haben Apollo und Dionysos, und Dionysos drückt den Rausch aus, das Über-sich-selbst-Hinauswachsen, und ich glaube, das gehört wesentlich dazu, damit der Mensch ein Mensch wird« (Theodorakis im Gespräch mit G.W. in Vrachati, Juli 1994), - findet sich Theodorakis selbst wieder, so wie er zwei Jahre später den Dichter Kostas Karyotakis mit Dionysos gleichstellt, sogar identifiziert, und sich in beiden Figuren erkennt..
Theodorakis zufolge nimmt Dionysos an der Schlacht von Makriyannis während der die britischen Truppen am 10. Dezember die Akropolis besetzten, teil und wird dort, trotz ihres Versprechens, das heilige Denkmal zu respektieren, durch einen Schuß in den Rücken getötet.
»(...) Bei Makriyannis bevor du zum Sprechen kamst
Engländers Kugel hat dich in die Kniet gezwungen
Du sahst uns an mit melancholischem Blick
du dachtest wohl
wie kurz der Tag gewesen ist (...)«
Der Leichenzug aller durch Verrat Getöteten zieht durch Athen in Richtung Straße »Dionissou tou Aeropagitou«.
Dionysos stirbt nun den Winter - durch Verrat - und wird in jedem Frühling widergeboren, und so ist der Gott, der zur Revolution, zur Befreiung aufruft, unsterblich; ... er lebt: »Zi«.
»Er lebt«, ... »Lambrakis lebt«, »Petroulas lebt«, »Panagoulis lebt«! So lebt auch Dionysos: Man kann das Leben nicht töten. Ich bin zu meinen Quellen zurückgekehrt, denn schon in meiner Jugend habe ich intensiv mit der griechischen Tradition, der griechischen Mythologie, den griechischen Göttern, den griechischen Halbgöttern gelebt.« (ibid.)
Pathetisch wirkt gewiss die Zwischenmusik aus »Dionysos«, während der Asikikos-Tanz - eine »Erfindung« von Theodorakis, beruhend auf kleinasiatischen Rhythmen - als Ausdruck der Lebenshaltung des Gottes eine der kontrastreichsten und inspiriertesten Kompositionen von Theodorakis darstellt.
Ganz allgemein kommt, die »Verarbeitung solcher Stoff einer Gratwanderung gleich, da die Gefahr des Abgleitens ins Kitschige droht. Es sei zumindest beim Dionysos-Stück >Der Bär< zu spüren« gewesen, meinen Rezensenten, die Theodorakis’ Deutschlandtournee besprechen:
Der Vorwurf des »Kitsches«, dessen Grenze »ständig überschritten werde« wird sehr brutal geäußert und Mikis’ Konzertprogramm wird als »zweitklassische Bühnenshow« bewertet, »in der sich aufgesetztes Pathos und Sentimentalität zu einem peinlichen Mischung verbinden« (Unsere Zeit, 11.6.1985).
Das verleitet den erkrankten Yannis Ritsos zu einer Stellungnahme, die ein weiteres Dokument darstellt für die grundverschiedene Rezeption, die Theodorakis’ Musik in Griechenland einerseits, in West-Europa andrerseits, erhält: Das, was wir als »Pathos« ansehen, ist für die Griechen nämlich eine natürliche Ausdrucks- und Lebenshaltung.
Das ändert allerdings nichts daran, dass die Aufführungen von »Dionysos«, als szenisches Spiel konzipiert, auf heftigen Widerspruch stiessen, vor allem, weil sich die Griechen in dem Spiegel wieder erkannten, den der Komponist ihnen vor die Augen hielt.
Mit seiner Oper »Kostas Karyotakis« sollte es nicht anders sein.
© Guy Wagner: Mikis Theodorakis. Ein Leben für Griechenland, 1995
DIONYSOS, AST 270
Gedichte: Mikis Theodorakis
I. I POBI - Die Prozession
II. I DIKI - Der Prozess
I Apologia tou Dionysos - Die Verteidigungsrede des Dionysos
III. O LAOS . Das Volk
Mia Filaki - Ein Gefängnis
IV. O DIONYSOS GIA TO LAO
To Psygio - Der Kühlschatnk
I Akrouda - Der Bär
V. CHORIKO
Stis 10 tou Dekemvri - Am 10. Dezember
VI, I PRAGMATIKI APOLOGIA TOU DIONYSOU
a. O Prodatis - Der Verräter
b. O Kolygos - Der Leibeigene
c. Ti Romiossini na tin kles - Beweine nicht das Griechentum
VII. O ORAMATISMOS - Die Vision
VIII. O APOCHERETISMOS - Der Abschied
a. Kala Vouna - Gute Berge
b. To Taxidi - Die Reise
IX. I POBI SYNECHIZETI - Die Prozession geht weiter
UA: 18.2.1985, Theater Orfeos, Athen (zusammen mit »Phaedra«)
Thanassis Moraitis, Chor Antonis Kontogeorgiou,
Orchester (mit Papadopoulos, Karnezis), Ltg.: Mikis Theodorakis
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