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"Poetica" - Im Lichte der griechischen Sonne





CD-Cover zu Poetica
Was er am meisten fürchte, wurde Theodorakis kürzlich gefragt. - Finsternis.

Finsternis - der Stoff, der uns einwickelt, lichtloses Dunkel, das Menschen verbirgt und allen Dingen ihre Gestalt raubt. Jegliche Farbe erlischt. Nichts ist genau auszumachen. Nie sieht man klar. Kranke und Traumdeuter harren in Abwartestellung unter ihren decken aus. Wann endet dieser Tunnel und wo? In einem der Lieder heißt es: "Den Tagen , die kommen, geb ich Inselgesichter ... Die Nächte, die fortgehn, ziehen rote Linien".

Glutheiße Spurrinnen führen ins Helle, blutige Bahnen, die der Tod heruntergerutscht kommt. Jenes Dunkel, das jäh in den Tag bricht, zermalmt den Menschen wie ein Fels. Bambusstock, Peitsche, Stromschlag. Folter am Mittag, Prügel auf der Terrasse. Der Augenblick, da man das Licht gnadenlos nennt.

Seit Urzeiten badet Griechenland in solchem Licht, reflektiert es, die Landschaft selbst versprüht's. Und der Mensch trägt es weiter, weit hinein in die Nacht. Öllampen auf den Friedhöfen. Lampen auf den Tavernentischen. Weiße Männerhemden, Leuchttürme. Angerissene Streichhölzer. Melodien. Lieder. Kein Kirchlein ohne Flamme. Flamme der Wiedergeburt, Symbol für das erste Licht. Die Kerze am Tag der Geburt, jedes Jahr angezündet. Angezündet und ausgepustet, um an das Leben zu erinnern als an etwas leicht Auslöschbares. An das Ungewisse, das die Künstler in seinen Bann zieht und nicht wieder freigibt.

Und so verwundert es nicht, daß Theodorakis mit siebzig seinen Poetica-Zyklus komponiert, diese dunkle nachdenkliche Hymne auf das Griechische Licht, auf das Licht des Juli und des Mondes, auf die Reflexe des Meeres, das Blendende des Todes. Und der Dichter Dionisis Karatzas aus der peloponnesischen Stadt Patras gab ihm den Stoff, das "Halbdunkle" in Töne zu fassen.

Man könnte meinen, Theodorakis habe im "leeren Licht" dieses Jahrhunderts Glück gehabt. Wurde ein Star, Stern. Ein Mensch, dem die Kraft innewohnt, selbst "Strahlung" auszusenden. Licht zu sein. Sich selbst zu schenken. Dieser Mann mit dem Loch im Schädel, die Augen so oft verklebt von Blut oder Müdigkeit. So oft ein Moment Stillstand. Helios mit dunklem Strahlenkranz, entrinnend dem Kreis der Wiederkehr, das ewige Jetzt verkündend. Dann Schritte, tausend Sohlen auf Erde, Rufe, Profile, Spucke im Sand. Erregte Stimmen, vereint, verloren. Töne für Sinfonien. Harmonie und Poesie, nicht Irre zu werden. Die Flammen füttern mit Öl, damit sie das Dunkel durchstehn. Im Dunkel sich selbst behaupten, selbst verschlingen, sich dabei erschaffend.

Licht SEIN.


© Ina & Asteris Kutulas



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