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"Ta Lyrika" - Kommentar





Tassos Livaditis
Der August 1977 ist Theodorakis-Monat auf dem Lykabettos-Hügel in Athen, die Revanche für das »Zweite Festival der populären Musik«, das wegen des Obristenputsches 1967 nicht mehr stattfinden konnte. Fast täglich gibt Theodorakis ein Konzert im immer ausverkauften, überfüllten Freilichttheater.

Alle großen Zyklen kommen zur Aufführung. Der erste Zyklus wird siebenmal gegeben und enthält »Epiphania Averoff«, »Romancero Gitan« und »Canto General«, im zweiten, der elfmal auf dem Programm steht, kommen »Belagerungszustand«, »Die Sonne und die Zeit« und »Der Marsch des Geistes« zur Aufführung, im dritten, viermal präsentiert, »Die Deserteure, »Die Geisel« und, als Uraufführung, »Ta Lyrika«, während der letzte mit sieben Konzerten, »Margarita« und »Axion Esti« bietet: ein Monsterprogramm, das die ganze Reichweite seiner musikalischen Schöpfungen der sechziger und siebziger Jahre deutlich macht.

Als kluger Stratege hat es Theodorakis verstanden, alle Trümpfe in seiner Hand zu vereinen. Alle seine Sänger sind da: Bithikotsis, Kaloyannis, Farantouri, Manou, Dimitriadou, Zorbala, Michailidou, Pandis, Thomopoulos. Der beste heutige Bouzoukispieler, Lakis Karnesis, die auf seine Musik eingeschworenen Chöre »Elli Nikolaidou« und »Trikala« (Leitung: Terpsichore Papastefanou), ein eigens für das Ereignis zusammengestellte Sinfonieorchester (Einstudierung: Tatsis Apostolidis) singen und spielen für ihn. Minister und Komponistenkollegen erscheinen zu den Konzerten.

Ursprünglich sollte Hadjidakis sogar den Klavierpart in »Ta Lyrika übernehmen, sitzt dann aber doch nur unter den Gästen, ein Zyklus, der zur großen Offenbarung des Festivals wird.

»Ta Lyrika«, vom Dichter Tassos Livaditis und vom Komponisten ihrer Generation, der des nationalen griechischen Widerstands, gewidmet, zählt mit seinen sechzehn Liedern er zu den umfangreichsten und zugleich schönsten Zyklen des Komponisten.

Hier findet er eine Einfachheit wieder, die ganz auf melodische Feinheiten, auf Konzentration und Durchsichtigkeit angelegt, ist. Gehalt des Textes und der Musik verbinden sich vollkommen. Die Melodien reihen sich ein in die große, universelle Tradition des »Liedes«.

Theodorakis hat dafür eine besonders raffinierte Orchestrierung festgelegt. Die Gesangsstimmen sind instrumental eingesetzt; Gitarre, Cello und Klavier geben den Liedern eine Reinheit, wie sie im Werke Theodorakis' einzigartig dasteht. Eine Inspiration wurde gefunden, die das griechische Gefühl, schwankend zwischen Bitterkeit und Hoffnung, aufs Genaueste wiedergibt.

»An der Schwelle der Jahre
Weben die Mütter das Garn der Hoffnung,
doch vor dem ersten Kuß schon
gehen die Kinder fort,
werden Männer im Widerstand,
und die verliebten Mädchen
sticken Guernica.
Die Freiheit ist heilig,
und der Schmerz der Welt,
Fahne für alle,
grüßt den Schatten von Che Guevara.
Der Weg ist lang.
Wir ziehen in den Kampf
und morgen, Mutter,
bist du vielleicht allein.«

In diesem Werk besteht nun gewiß nicht der Widerspruch zwischen Absicht und Verwirklichung, der immer wieder von Kritikern entdeckt wurde, sofern sie sich »herablassen«, überhaupt über Theodorakis' Musik zu schreiben.
Wenn ein solches Mißverständnis bestehen kann, so vordergründig in der Art und Weise, wie Theodorakis an die Texte herangeht. Er vereinfacht bewußt, um der Verständlichkeit für sein griechisches Publikum willen.

Dies bekommt aber nicht allen Werken gleich gut, das darf festgestellt werden. Der Gegenreflex, »mehr« hineinlegen zu wollen, aber läßt die Gefahr eines Pathos aufkommen, dem Theodorakis, nach »westlicher« Musikauffassung, nicht immer entgangen ist.

In »Ta Lyrika« hingegen, ist die schönste Mischung zwischen Ausdrucksfähigkeit und Zurückhaltung erreicht, die Mikis hat suchen können. Man darf sogar behaupten, daß die Rückkehr zu dem elementarsten Quellen der Musik eine neue Ausgangsbasis für das Schaffen des Komponisten geworden ist.


© Guy Wagner



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