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"Die Balladen" - Kommentar





Manolis Anagnostakis - Photo: Stelios Skopelitis
Das Jahr 1977 ist für Theodorakis ein Musikjahr. Seine Tournee in Europa knüpft an die Popularität vorheriger Tourneen an. Sein Charisma ist ungebrochen. Die Begeisterung des Publikums treibt ihn dazu, immer wieder Zugaben zu geben, so daß er am Ende der Tournee derart erschöpft ist, daß er eine Zeitlang völlig ausspannen muß.

Während dieser Tournee kommen erstmals »Ballades« (Die Balladen) auf Texte von Manolis Anagnostakis erstmals zur Aufführung.

Der Kern des Werkes ist ein Zyklus von sechs Liedern, die unter dem Titel »Lernaia Hydra« (Die Hydra von Lerna) im Juli 1973 in Dubrovnik entstanden sind, als Mikis in Jugoslawien weilte, um die Filmmusik zu »Sutieska« (Tito. Die fünfte Offensive) zu schreiben.

Anagnostakis gehört zur Reihe der Dichter, die ihr Werk unter dem Eindruck des Widerstands gegen die Besatzer und die Rechte schufen. Er wurde zum Tode verurteilt und erst 1950 begnadigt. In seinen Versen klingt die Verbitterung einer verlorenen Generation auf:

»Ich spucke das Gift deiner Lügen,
meine Jugend,
ich träume meine toten Erinnerungen,
unbarmherzige Welle.
Doch heute abend, ein letztes Mal,
laß mich meine Angst
in deinem mächt’gen Strom ertränken.«

Die Melodien, die Theodorakis zu diesen Texten geschrieben hat, sind schwermütig, auch schwerblütig. Flöte und Trompete werden zur »laischen« Besetzung in die Orchestrierung aufgenommen. Zwar entsprechen die Melodien und Orchestrierungen der Wehmut der Texte, doch ist ihnen eine gewisse Sentimentalität, der man sonst kaum in Theodorakis' Werk begegnet, nicht abzusprechen.

Sie fällt umso mehr auf, als mit diesem ersten Zyklus »lyrischer« Kompositionen, Theodorakis einen Bruch vollzieht mit den kämpferischen Werken der Zeit der Diktatur.

Die Restauration, der politische Alltag in der »Hellenischen Demokratie«, die Theodorakis den von der Geschichte zustehenden Platz als Politiker verweigert hat, führt beim Komponisten zu einem Rückzug ins Persönliche und einer Rückbesinnung.

Und wieder ist seine musikalische Entwicklung, als Spiegelung dieser Rückbesinnung, seiner Zeit und auch den Erwartungen des Publikums voraus, das Schwierigkeiten hat, mit dem »neuen Theodorakis« einig zu werden.

Doch wird eine Anzahl der »Balladen« im Laufe der Zeit zu den meistgespielten, meistgesungenen und meistgeliebten seiner Lieder, und »Dromi palii« (Alte Straßen) sollt hier nur als Beispiel zitiert werden.


© Guy Wagner


DIE BALLADEN, AST 210 / 211
Gedichte: Manolis Anagnostakis
Komposition: Juli 1973-1974 in Dubrovnik und Paris
1. Der Schiffbruch
2. Alte Straßen
3. Mein Herz schlägt nicht mehr
4. Freude, Freude
5. In meiner Einsamkeit
6. Die letzten Verse
7. Die Trams fuhren vorbei
8. Jetzt ist es leicht zu schreiben
9. Wenn ein Frühling
Das Lied Iski vouvi (Stumme Schatten), zum Zyklus "Die Hydra von Lerna" gehörend, ist von Maria Farantouri in ihre CD "Asmata" aufgenommen worden (1998).



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