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"Enas Omiros" - Die Geisel (The Hostage)





Szene aus de erstenr Produktion von "Enas Omiros"
1962 nimmt Mikis Theodorakis die Bühnenmusik zu Brendan Behans Theaterstück "The Hostage" (Die Geisel) in Angriff: Sie wird Grundlage für Aufführungen im selben Jahr und vier Jahre später, die Furore in Athen machen.

Das Thema des hochbrisanten Werkes ist zu jener Zeit besonders aktuell für die Griechen, gilt es doch dem irischen Freiheitskampf gegen die Briten. Die sensible Übertragung von Vassilis Rotas steigert noch den Impakt des Werkes, da die Griechen in ihr sowohl ihren eigenen Kampf gegen die Briten nach dem Zweiten Weltkrieg als ihre Auflehnung gegen die Amerikaner widergespiegelt finden. Das Werk bekommt durch seinen symbolhaften Charakter hohen Stellenwert für das, was Theodorakis, im Anschluß an Seferis, "Mythologie" nennt: die Summe geschichtlicher oder zeitgenössiche Ereignisse, in denen sich alle erkennen:

"Darum schien mir diese neue irische Mythologie, auf der >Die Geisel< beruht, unserer neugriechischen Mythologie sehr verwandt zu sein. Die Fragen nach Gott, nach dem Sinn, nach Einsamkeit, Liebe, Haß behalten ihre grundlegende Bedeutung im Kampf der Menschen um Leben und Freiheit. Das betrifft Nordirland gleichermaßen wie Griechenland.", schreibt Theodorakis noch 1994 im Programmheft zur Tournee "Musik ohne Grenzen".

"Die Beziehung der Einzelmenschen spannt sich - man kann sagen, bis zur Erstickung - in den Rahmen der Beziehungen zwischen den sozialen Gruppen. Die metaphysischen Probleme (...) hören selbstverständlich nicht auf, sich in all ihrer Schärfe zu stellen, doch werden sie nicht mehr allein in den Salons und in mondänen Kreisen diskutiert, reduzieren sich auch nicht mehr auf die ibsensche Beziehung zwischen Frau, Mann und Geliebtem oder auf psychoanalytische Wirklichkeiten. Sie gehören nun zu der weiteren, allgemeineren Fragestellung von Menschen, die um ihr Leben und ihre Freiheit kämpfen." (in: Culture et dimensions politiques", S.312)

Theodorakis sieht die Einheit, die er hier schaffen kann, an als Einheit zwischen Wort und Musik auf der Grundlage eines Musikgutes, das dem Volk gehört. So kommt es, daß jedes der sechzehn Lieder der "Geisel" in sich eine Einheit darstellt und daß sie zusammen ein kohärentes Ganzes ergeben, schon durch die Tonalität, die ihnen gemeinsam ist.

Erstmals greift der Komponist auch auf den Melos einer anderen Nation, der irischen, zurück, dennoch sind diese Lieder zugleich echt griechisch. Sie stellen innerhalb des Dramas eine Progression dar, die im triumphalen "I Lambri" (Ostern) ihre Auflösung findet. Das Kernlied des Zyklus', "To Yelasto Pedi" (Der lächelnde Knabe) wird augenblicklich zu einem "Hit" und zum Protestlied der Jugend gegen die Einmischung ausländischer Mächte in Griechenland. Es sollte 1969 das "Kernlied" des berühmten Filmes "Z" von Costa-Gavras werden.

Es wird Theodorakis sogar von der Karamanlis-Regierung verboten, dieses Lied, das sowieso schon nicht im Rundfunk gesendet werden darf, in die geplante Schallplattenproduktion mit Maria Farantouri des gesamten Werkes einzubeziehen. Daraufhin nimmt der Komponist als Reaktion alle Lieder selbst auf und singt sie auch selbst, und seine Aufnahme zirkuliert als heiß begehrte Kostbarkeit heimlich in Griechenland. Für Theodorakis ist dies der beste Beweis, daß seine Musik das Volk hinter sich vereint, und gerade die Sehnsucht nach Vereinigung, nach Einigung, nach Einheit ist eine Konstante seines Schaffens.

Immer wieder versucht er, auf musikalischer und politischer Ebene das Trennende aufzuheben und das Gemeinsame herauszustellen. Er will den Griechen das Bewußtsein vermitteln, daß sie eine soziopolitische und kulturelle Identität haben. Er will das Erbe des Bürgerkrieges verwandeln in ein erlebtes Griechentum.

Doch es ist schon fatal! Je mehr Theodorakis diese Einheit sucht und fordert, desto stärker ist sie in Gefahr, desto mehr wird er selbst in eine Zerreißprobe hineingestellt.


© Guy Wagner


ENAS OMIROS - L'OTAGE, AST 147-148
Brendan Behan - Übertragung ins Griechische: Vassilis Rotas
Komposition: 1962 in Paris
Titel:
I.
1. Einleitung
2. Es war am 18.November
3. Der lächelnde Junge
4. Es gibt keinen Platz auf der Welt
5. Öffne das Fenster ein wenig
6. Es gibt keinen Platz auf der Erde
7. Du liest die Bibel
8. Ich erinnere mich im Monat September
9.ch geb dir einen goldenen Ball
II.
10. Dir Mutter sende ich
11. Du willst von Frauen leben
12. Hier gibt es niemanden
13. Ich bin Engländer
14. Ich verehre meinen Erlöser
15. Die Glocken der Hölle
16. Ostern
UA: 12.4.1962 in Athen.
Dora Giannakopoulou, Dimitris Fabas, Gitarre,
Inszenierung: Manolis Katrakas, Ltg.: Mikis Theodorakis



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