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"Belagerungszustand" - Kommentar





Belagerungszustand - Kommentar


Das tiefste Werk von 1968 ist "Katastassi Poliorkias" (Belagerungszustand). Es fußt auf einem Gedicht in drei Teilen, das Theodorakis zugeschmuggelt wurde, als er im Averoff-Gefängnis war. Der ergreifende Text stammt von einem jungen Mädchen, das im Frauentrakt des gleichen Gefängnisses grauenhaft gefoltert wurde. Das junge Mädchen gab sich den Decknamen »Marina«, damit die Obristen nicht erfuhren, wer sie derart eindringlich anklagt. Heute kennen wir den Namen der jungen Frau. Sie heißt Rena Hadjidakis. Ihr Zeugnis ist das Zeugnis des neuen Griechentums. Ihre Stimme ist die Stimme des gequälten Griechenlands in der Nacht der Barbaren: "Sie schrieb ein unvergleichlich schönes, mutiges und wahres Gedicht."

Der Fluß der Worte mündet nun in einen musikalischen Fluß. Man kann sich der Verhaltenheit, der Stille dieser Worte und dieser Musik nicht entziehen. Hier ist die Klage, die den Folterern für alle Zeit ein Brandmal einbrennt: "Mich werden sie nicht töten können", singt die zerbrechliche Stimme, die man nicht brechen konnte, ihrem Geliebten, singt eine neue Antigone gegen die neuen Kreons an, so ergreifend, daß man nicht anders kann als hinhören auf diesen Ausdruck des Leids...

Theodorakis hat für diesen Text eine Musik zum Hineinhören geschrieben; sie stellt jedes Wort heraus.

Das Werk ist als "Volkskantate" konzipiert, für zwei Volkssänger, Chor und Orchester. Der Begriff "Volkskantate" weist darauf hin, wie sehr der Komponist an Einfachheit in der melodischen Führung gelegen ist, wie wichtig ihm die Einfachheit der Gestaltung und wie bedeutsam die Elemente der "Volks"-Musik für diesen Text ist und für die melodische Linie, die keinen Schrei zuläßt, nur eine Trauer, die das Griechentum ins Herz trifft.


Guy Wagner

 




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