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"Belagerungszustand"





Belagerungszustand - Theodorakis

Ich fange wieder an zu komponieren und ... denke an Marina. Als ich nach meiner Verhaftung bei der Sicherheitspolizei eingesperrt war, befand sich Marina zusammen mit einem anderen Mädchen in dem Flur gegenüber der Zelle 1. Später sollte sie in den Frauenblock überführt werden. Während meines Hungerstreiks hörte ich, wie sie den Gefängniswärter anschrie.

Später schrieb sie dann ein unvergleichlich schönes, mutiges und wahres Gedicht. Als ich es zu sehen bekam, war ich von jedem Wort, jedem Bild, jedem Symbol zutiefst ergriffen. Ihre Worte verletzten mich. Trösteten mich. Befreiten mich. Das war unsere Stimme. Unsere Hoffnung, die, wie es in dem Gedicht heißt, "eine faule Traube wurde". Das war unser Zorn. Unsere Bitterkeit. Aber auch unsere Stärke. In Nea Smyrni nahm ich mir zunächst den ersten Teil des Gedichtes vor und schrieb in einem Zug die Musik.

Hier in Vrachati, schreibe ich im Laufe des Monats Mai, die Musik zum zweiten und dritten Teil. Was die musikalische Form anbetrifft, habe ich die Gelegenheit, mit diesem Werk das zu bestätigen, was ich mit Epiphanie-Averoff begonnen hatte. Das neue Lied ist ein "unendliches Gedicht" in drei Teilen. Der ursprüngliche Titel hieß Frauengefängnis Averoff, weil ja das Gedicht nach der Verurteilung Marinas durch das Militärgericht entstanden war. Marina vernichtete das Gedicht sofort nach seiner Entstehung, und nur ihrer Mitgefangenen Athina, die jedes Wort gewissenhaft abschrieb, ist es zu verdanken, daß es nicht verlorenging. Jetzt erhält das Werk seinen endgültigen Titel: Belagerungszustand.

Aus: Mein Leben für die Freiheit

März 1968

 




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