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"Epitaphios" - Die Kontroverse





Die Einspielung Bithikotsis-Theodorakis von "Epitaphios"
In "Epitaphios" wird das griechische Publikum erstmals mit einer Musik konfrontiert, die von höchsten Ansprüchen ausgeht und gleichzeitig alles, was jahrzehntelang verpönt war, in den Vordergrund, sogar in den Mittelpunkt stellt.


Die aggressive, herbe Bouzoukifarbe und die tänzerischen Rhythmen werden vereint in einem Zyklus, der die leidvolle Erfahrung Griechenlands widerspiegelt, und verbinden sich zusätzlich mit der rauchigen, ungeschliffenen, aber dafür umso authentischeren Stimme von Bithikotsis.

Der Rembetiko wird zum Träger eines revolutionären Textes. Die Volksseele, als Schwingung, die einem Volke gemeinsam ist, wird bewußt gemacht, und die Totenklage, die Bithikotsis singt, ist in sich selbst Symbol für die Streikenden von 1936, die Verhungerten von 1941, die Erschlagenen von 1944 und die Verbannten von 1948.

Die "kleinen Leute", die Menschen der Armenviertel am Rande der Großstädte, die Jugendlichen, die auf "Etwas" warten, finden sich in Theodorakis' Aufnahme wieder und jubeln ihr zu.

Die Bourgeoisie ist entsetzt und aufgebracht. Es kommt zu leidenschaftlichen Auseinandersetzungen, deren Grundtenor ist: Theodorakis hat es an Respekt gegenüber den Texten von Ritsos fehlen lassen, schon allein, weil ein Sänger wie Bithikotsis, der zum "Lumpenproletariat" gehört, diese Melodien singt.

Ritsos selbst hatte zuerst ebenfalls Bedenken gegenüber dieser Musikfassung. In einem Interview sagte er 1983 rückblickend:

"Ich hatte große Bedenken! Diese heilige Liturgie, diese Klage und Hymne der Arbeiterklasse sollte in den Tavernen gesungen werden, wo man ißt und Zoten reißt. Ich war aber im Unrecht! Dort fand der >Epitaphios< die einfachen Menschen, gab sich ihnen hin, bot sich ihnen an. Und auch sie gaben sich ihm hin. Sie verstanden das Gedicht. Sie fraßen es!"

Theodorakis entgegnet im Zusammenhang mit dem "Epitaphios-Streit" und dem Vorwurf, ein unwürdiger Sänger würde einen hehren Text singen, daß es undenkbar sei, daß eine Klasse der Gesellschaft würdig sei zu singen, eine andere nicht. Er erklärt sich überzeugt, daß die Stimme von Bithikotsis die "kollektive Stimme Griechenlands" werde.


© Guy Wagner. Aus: Mikis Theodorakis. Ein Leben für Griechenland. Ed.PHI Luxemburg, 1995



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