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Thessaloniki 36: Eine Mutter weint um ihren Sohn
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Am 9. Mai 1936 veranstalteten die streikenden Tabakarbeiter eine Protestversammlung in Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands, in der 1963 der Abgeordnete Grigoris Lambrakis ("Z") ermordet wird. Diese Versammlung wurde von der Staatspolizei brutal niederschlagen.
Dreißig Menschen wurden getötet, mehrere hundert verletzt. Der Dichter Yannis Ritsos sieht in einer Zeitung das Bild einer Mutter, die sich über die Leiche ihres Sohnes beugt.
Das Bild erschüttert ihn so sehr, daß er sich zwei Tage lang einsperrt und sein "Epitaphios" schreibt, das innerhalb von drei Monaten zehntausendmal verkauft wird.
Ritsos verbindet das christliche Motiv der Totenklage Marias über Jesus mit der Wirklichkeit von 1936. Bei Ritsos erkennt die Mutter, daß der Tod ihres Sohnes nicht sinnlos ist. Sie nimmt, ähnlich wie die "Mutter" bei Gorki, den Kampf im Namen ihres Sohnes auf:
"Ja, mein Sohn, der Knoten unsres Weinens,
Er wird zum Knoten für die Schnur am Halse unsres Feindes
Und wie du es gewollt hast, so, wie du's mich lehrtest einst,
Richt ich jetzt meinen Körper auf und zeige meine Faust.
Und statt daß ich die Brüste mir zertrümmere mit Schlägen,
Reih ich mich ein, in meinem Blick die Sonne hinter Tränen.
Ich trage dein Gewehr und geh zu deinen Brüdern, Sohn,
Du kannst jetzt schlafen, Vogel, wir verdoppeln unsern Zorn."
Drei Monate halten die Unruhen in Thessaloniki an. König Georg II. - im November 1935 nach einem gefälschten Referendum nach Griechenland zurückgekehrt und auf Druck der Armee inthronisiert - ruft den Notstand aus, löst das Parlament auf und gibt dem neuen Ministerpräsidenten, Generalstabschef Ioannis Metaxas (1871-1941), unbeschränkte Vollmachten. Tausende von politischen Gegnern werden inhaftiert.
Ritsos' Werk wird vor dem Zeustempel öffentlich verbrannt, drei Jahre nach den Bücherverbrennungen in Nazideutschland.
© Guy Wagner. Aus: Mikis Theodorakis. Ein Leben für Griechenland. Ed.PHI Luxemburg, 1995
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