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"Epitaphios" - Die Entstehung der Musik von Theodorakis





Partitur von Epitaphios 3
Mikis Theodorakis lebt in Paris, als die ersten Diskussionen über die rebetische Musik in Griechenland geführt werden, als die ersten Versuche gemacht werden, diese Musik als Bestandteil der griechischen Kultur anzuerkennen.

Vier Jahre ist er nun fort aus seiner Heimat, und das Heimweh ist besonders stark in den Frühlingstagen des Jahres 1958. Das Land steht vor Wahlen. Die politischen Auseinandersetzungen sind lebhaft geblieben, seit König Paul I., über die Köpfe aller Parteien hinweg, Konstantin Karamanlis als Ministerpräsidenten eingesetzt hat.

Theodorakis brennt auf Nachrichten aus der Heimat. Er fordert von den Schriftstellern griechische Texte. Yannis Ritsos schickt ihm einige seiner Bücher, darunter "Epitaphios", das die Zerrissenheit des Volkes in so ergreifenden Versen deutet.

Während Myrto, seine Frau, eines Abends in der Nähe der Pariser Oper Einkäufe macht, bleibt Mikis im Wagen zurück und liest "Epitaphios". Er schlägt den Rhythmus der Verse gegen das Lenkrad, schreibt Noten dazu ins Buch, bricht die Struktur der 15-silbigen Verse auf, um sie in die Tanzformen der laischen Musik zu zwingen. Er wagt sich mit der verpöntesten Musik an einen der tiefsten Texte neuerer griechischer Dichtung heran.

Myrto Theodorakis erkennt, vor welchem Wagnis er steht. Mikis weiß, daß er am Scheideweg angekommen ist, daß er nun Musik für das Volk schreiben muß, und nicht für eine Elite. Er hat innerlich mit der "elitären" Musik abgeschlossen, obschon ihm sein Verleger einen Vertrag anbietet, wie er verlockender nicht sein kann.

"Epitaphios" ist nicht Theodorakis' erster Liederzyklus auf volksnahe Weisen. Vorher schon hat er vier Gedichte seines Bruders Yannis, die unter dem Gesamttitel: "Lipotaktes" (Die Deserteure) zusammengefaßt wurden, vertont, doch sind ihm Zweifel gekommen, ob das Lied, vor allem das volkstümliche, nicht ein minderwertiges Genre sei. "Epitaphios" wird wie eine Befreiung für ihn. Er ist bewußt, zum ersten Male "griechische Musik" geschrieben zu haben.

"Das Eigenartigste ist: Nachdem ich >Epitaphios< komponiert hatte, hörten die Makronissos-Krisen auf: Das war für mich auch ein Zeichen. >Epitaphios< ist das erste griechische Werk überhaupt, das völlig eigenständig ist, ohne Einfluß von außen. Darin sehe ich selbst seine fundamentale Bedeutung. Damals, als ich den Zyklus komponierte, war dies noch nicht bewußt, aber ich ahnte schon, daß von hieraus ein neuer Weg, ein neuer Geist entstehen konnten."

Dieser neue Geist ist vor allem Ende der fünfziger Jahre wichtig für die Griechen.

Die Unterdrückungsmaschinerie ist ins Stocken geraten. Trotz Terrors und Wahlschwindels erhält die EDA bei den Parlamentswahlen vom 11. Mai 1958 fast 25 Prozent aller Stimmen und wird, nach der ERE von Karamanlis, zweitstärkste Partei in der Abgeordnetenkammer. Die sozialen Spannungen wachsen. "Epitaphios" wird zum Fanal einer Hoffnung.


© Guy Wagner. Aus: Mikis Theodorakis. Ein Leben für Griechenland. Ed.PHI Luxemburg, 1995

EPITAPHIOS, AST 112
Komponiert: 1.5.-11.5.1958 à Paris
Titel:
1. Wohin ist mein Sohn entflogen
2. Deine duftenden Lippen
3. Maientag
4. Mein Stern ist erloschen
5. Du warst gut
6. Du bliebst am Fenster
7. Das unsterbliche Wasser
8. Du, mein Kind
UA: 5.10.1960 in Eleusina
Grigoris Bithikotsis, PErst Volksorchester von Mikis Theodorakis, mit Yannis Didilis, Klavier, Kostas Papadopoulos und Lakis Karnezis, Bouzoukis, P. Petsas, Gitarre, Vassilis Papangelidis, Bass, Ltg.: Mikis Theodorakis



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