Die dramatische Struktur der »Ballade vom toten Bruder« ist einfach: Pavlos hat eine Geliebte, Ismene, die ihren Vater dadurch retten will, daß sie den Freund verrät. Im letzten Augenblick aber ist die Liebe stärker, sie warnt den Geliebten und wird dafür getötet.
Es folgen drei Lieder, die jeweils eine Szene darstellen. Pavlos und Nikolios werden vor ein Hinrichtungskommando geführt, der tote Andreas erscheint der Mutter im Traum. Im Schlußbild treten dann alle, die gefallen sind oder getötet wurden, vor das Publikum, sich an den Händen haltend, und singen:
»Vereinigt Euch, Felsen zu Felsen, vereinigt Euch, Hand in Hand,
Berge und Täler nehmt auf den Refrain,
Städte und Häfen steigt ein in den Tanz!«
Szenisch hat Theodorakis ein neues Modell entwickelt: Gleich zu Beginn im ersten Teil, spielt das Orchester schon das Thema des Schlußbildes: »Vereinigt Euch!«. Dadurch gibt er dem Werke eine zyklische Gestaltung: der Beginn sagt schon das Ende an.
Eine idyllische erste Szene (»Aprilis«) schließt sich an. Die Mütter stricken in Athen, »wie es Leben und Tod mit dem Schicksal der Menschen tun.«
Der Chor, die Instrumentalisten und der laische Sänger (Bithikotsis) treten auf und werden begrüßt. Damit erreicht Theodorakis die Konsekration des Rebeten auf der Bühne. Alle stimmen »Ein Traum« an:
»Mutter, du hattest zwei Söhne, zwei Bäume, zwei Flüsse,
Zwei venezianische Festen, zwei Minzzweige, zwei Freuden,
Einer davon ging nach Osten, der andre nach Westen,
Und du, du allein, in der Mitte, du sprichst mit der Sonne.«
Man hört die Geräusche der Schlacht: Das Stadtviertel tritt ein in Geschichte. Das Lied: »Die Kette«, symbolisiert die Einheit des Volkes im Widerstand gegen die Besatzer von 1940 bis 1944.
Ein Kind wird getötet. Man bringt es seiner Mutter, die es wiegt: »Schlaf, mein kleiner Engel«. Das letzte Lied des ersten Teiles kündigt das Drama an, das folgen wird: »Eines Abends haben sie dich ans Kreuz geschlagen«. Hiermit endet dieser Teil, den Theodorakis »Prolog« genannt hat.
Im zweiten Teil, als »Handlung« bezeichnet, sind die Figuranten des Chores von der Bühne verschwunden. An ihrer Stelle hängen Masken an der Bühnenwand. Santouri und Klarino, die spezifisch demotischen Instrumente, spielen aus dem Orchestergraben. Ein alter Blinder tritt auf, geführt von seiner Tochter. Er ist auf der Suche nach seinen Söhnen, die von den Deutschen getötet worden sind. Vielleicht ahnt er die Wahrheit, aber er will sie nicht wissen, da sie ihn töten würde. Er erfährt sie dann doch durch den Mund einer Mutter, die ihren Sohn ebenfalls verloren hat.
Der Blinde weckt unmittelbar Assoziationen an Oedipus. Theodorakis stellt durch diese symbolische Figur eine Verbindung zu den Mythen der antiken Tragödien her, aber damit auch ganz allgemein zum Schicksal der Griechen: »>Blind die Augen, das Denken, taub die Ohren< ... Die Tragödie der Griechen. Unsere Tragödie.«
Die Musik konkretisiert die Auseinandersetzung zwischen demotischer und laischer Musik, welche einen Teil der von Theodorakis mit »Epitaphios« ausgelösten »Kulturrevolution« bestimmte. Das schönste Beispiel hierfür liefert das Lied »Prodomenos Agapi« (Verratene Liebe). Während die Einleitung dazu »reinste« demotische Musik ist, ist das Lied selbst Inbegriff laischer Musikkultur. Hier wird der Gestaltungswillen des Komponisten zur Schaffung einer Einheit der griechischen Musiken, die wie Wasser aus verschiedenen Quellen in ein gemeinsames Bett fließen und einen gewaltigen Strom entstehen lassen sollen, besonders deutlich.
© Guy Wagner, 1995-1997
TO TRAGOUDI TOU NEKROU ADELFOU - DIE BALLADE VOM TOTEN BRUDER, AST 128
Komposition: 1960-1963 - Paris und Athen
Titel:
1. April
2. Der Traum
3. Die Kette
4. Schlaflied
5. Eines Abends
6. Verratene Liebe
7. Pavlos und Nikolios
8. In den Gärten
9. Vereinigt euch!
UA: 15.10.1962 im Theater Kalouta in Athen
Grigoris Bithikotsis, Sänger, Lakis Karnezis und Kostas Papadoupoulos, Bouzoukis, Insz.: Pelos Katselis, Leitung: Mikis Theodorakis
2. erweiterte Fassung: AST 244
Komposition 1978-1980 - Athen
UA: Juli 1980 im Theater Athen
Giorgos Dalaras, Margarita Zorbala, Petros Pandis, Notis Pergialis. Insz.: Alexis Solomos, Leitung: Mikis Theodorakis
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