Theodorakis weiß nach der »Kulturrevolution«, die »Epitaphios« darstellt, daß seine Musik das griechische Volk hinter sich vereinen kann, und gerade die Sehnsucht nach Vereinigung, nach Einigung, nach Einheit wird die eigentliche Konstante seines Schaffens und seiner Öffentlichkeitsarbeit.
Immer wieder versucht er, auf musikalischer und politischer Ebene das Trennende aufzuheben und das Gemeinsame herauszustellen. Er will den Griechen das Bewußtsein vermitteln, daß sie eine soziopolitische und kulturelle Identität haben. Er will das Erbe des Bürgerkrieges verwandeln in ein erlebtes Griechentum.
Doch es ist schon fatal! Je mehr Theodorakis diese Einheit sucht und fordert, desto stärker ist sie in Gefahr, desto mehr wird er selbst in eine Zerreißprobe hineingestellt.
Das erfährt er ganz besonders, als er sein eigenes Bühnendrama, die »Tragoudi tou nekrou adelfou« (Ballade vom toten Bruder) aufführt.
Die von ihm geforderte Einheit und Geschlossenheit wird völlig erreicht, da Argument, Szenario, Gedichte und Musik von ihm selbst stammen. Doch schon das Thema ist für viele eine Provokation. Theodorakis wagt sich an das Tabu der Problematik des Bürgerkrieges heran. Die Wunden aber sind nicht vernarbt, die Schmerzen nicht vergessen.
Dabei wirft Theodorakis die Frage, wer die »Guten« und wer die »Bösen« sind, nicht einmal auf. Beide Seiten sind Opfer eines gleichen »Nemesis«, eines selben »Schicksals«, »heilige Märtyrer jener großen Idee, die Griechenland heißt und die klagend und verwundet ihre besten Söhne opfern muß.« Rechts und Links werden dargestellt durch zwei Brüder, von denen der eine, Pavlos, auf der Seite der Partisanen kämpft, der Andreas, auf der Seite der Nationalisten. Beide engagieren sich aus Überzeugung, beide werden Opfer ihrer Überzeugung. Theodorakis erinnert sich dabei an das von ihm selbst miterlebte Familienschicksal seines Freundes Pavlos Papamercouriou.
© Guy Wagner, 1995-1997
|