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Geplante Theodorakis-Livaneli-Tournee





Together!


I.

Bonn (dpa) - Außenminister Klaus Kinkel hat am Dienstag die Türkei und Griechenland zur Beilegung ihrer Differenzen aufgerufen, die nicht nur ihr Verhältnis zueinander, sondern die politische Entwicklung in Europa insgesamt belasteten. In einer Gala- Veranstaltung zu Ehren der Musiker Mikis Theodorakis (Griechenland) und Zülfü Livaneli (Türkei) mahnte Kinkel eine baldige Lösung des Zypern-Problems und eine Regelung der Ansprüche in der Ägäis an. "Ich habe überhaupt kein Verständnis dafür, daß es in unserer Zeit unter den Vorzeichen des neuen Europa nicht möglich sein sollte, diese Streitigkeiten gutnachbarlich und friedlich zu lösen", sagte er.

Der Minister würdigte Theodorakis und Livaneli, die 1987 eine Initiative für einen Dialog zwischen beiden Ländern gegründet hatten, als "Symbole für die türkisch-griechische Annäherung". Sie seien mit ihrer neuen musikalischen Friedenstournee "Sonderbotschafter" der Völkerverständigung. Er hoffe, daß die Künstler eine "wirklich breite Bewegung" anstoßen könnten, sagte Kinkel, der die Botschafter der Türkei, Griechenlands und Zyperns besonders begrüßte.

Theodorakis und Livaneli zählen zu den bedeutendsten Liedermachern und Komponisten ihrer Länder. Beide hatten in der Vergangenheit wegen ihrer Aktivitäten mehrere Jahre in den Gefängnissen ihrer jeweiligen Heimatländern und im Exil verbracht.

Ihre neue Tournee ("Theodorakis- Livaneli: Together") beginnt am 4. Mai in Berlin und endet am 15. Mai in Luxemburg. *)

©dpa - 291524 Apr 97

*) Anmerkung: Leider nein! Es konnte kein geeigneter Saal für die Künstler gefunden werden...

II.

Von Klaus Bering

Bonn (dpa) - Wieder einmal ziehen sie durch Europa: der griechische Komponist Mikis Theodorakis und der türkische Liedermacher Zülfü Livaneli. Unter dem Motto "Together" (Gemeinsam) wollen sie Griechen und Türken aus dem Dauerzustand der Spannung in einen Dialog führen.

Am Mittwoch kündigten die beiden in Bonn an: "Wir wollen unsere Völker zusammenbringen. Wir sind uns viel näher, als uns die Politiker glauben machen wollen". Zehn Jahre nach Gründung ihrer griechisch-türkischen Freundschafts-Initiative beginnen die beiden Musiker am 4. Mai in Berlin ihre neue Tournee.

Sie führt über Paris, Brüssel, Frankfurt, München, Stuttgart und Luxemburg nach Nikosia. Dort findet am 13. Juni mitten auf der Demarkationslinie zwischen Zypern-Griechen und -Türken das Abschlußkonzert statt. "Ich unterstütze diese Friedenstournee aus vollem Herzen", sagte Deutschlands Außenminister Klaus Kinkel am Dienstag abend bei einem Empfang für die beiden Künstler gesagt. "Die Zeit dafür könnte kaum besser gewählt sein." Wenige Stunden zuvor hatte Griechenland im EU-Ministerrat erneut die Annäherung der Türkei blockiert. Eine Lösung des Streits um eine Gruppe von Ägäis-Inseln und um Zypern ist nicht in Sicht, obwohl - so der Türke Livaneli und der Grieche Theodorakis - "die Mehrheit unserer Völker" eine Verständigung wolle.

"Die Politiker haben sich selbst zu Geiseln der Geister gemacht, die sie gerufen haben", sagt der Sänger Livaneli, der in der Türkei ebenso populär ist wie Theodorakis in Griechenland. "Unsere Regierungen machen die Beziehungen unserer Länder zum Spielball innenpolitischer Interessen. Dem setzen wir die Ästhetik unserer Kunst entgegen."

Und auch für Theodorakis ist klar: "Gegen diejenigen, die Haß und Vorurteile predigen, müssen Menschen wie wir aufstehen." Für den Start ihrer Tournee wählten sie Deutschland, weil hier 2,1 Millionen Türken und 370 000 Griechen problemlos zusammenleben und Deutschland für ihr Anliegen besonders "sensibilisiert" sei. "Wer wollte unter diesen Umständen sagen, uns ginge die Verständigung zwischen beiden Ländern nichts an?", sagt auch Kinkel.

Tausende, wenn nicht Zehntausende strömten schon früher zu den Konzerten der beiden Musiker, die wegen ihrer politischen Haltung Jahre ihres Lebens in Gefängnissen ihrer jeweiligen Heimatländer gesessen hatten und ins Exil getrieben wurden.

Beide sagen, sie hätten bei ihren gemeinsamen Auftritten den Wunsch nach Aussöhnung verspürt. "Man muß sich ja nicht lieben", betont Livaneli. "Freunde kann man sich aussuchen, Nachbarn nicht, und darum muß man zumindest zu einem friedlichen Zusammenleben finden."

Theodorakis kann sich einen grimmigen Seitenhieb auf diejenigen nicht verkneifen, die das Fernbleiben Griechenlands von der EU- Währungsunion beklagen: "Das sind die gleichen, die uns Waffenlieferungen aufzwingen, die unsere Länder Milliarden kosten und unsere Volkswirtschaften schwächen." Und er nennt neben den USA und Großbritannien auch Deutschland.

©dpa - 301343 Apr 97


III.

Zwei Sänger, ein Symbol

Der Türke Zülfü Livaneli und der Grieche Mikis Theodorakis auf Friedens-Tournee

Von Christoph Herrmann

Zwei Männer, zwei Komponisten und Sänger, die in ihrer Heimat - und weit darüber hinaus - so etwas wie das moralische Gewissen ihres Landes verkörpern: Der Grieche Mikis Theodorakis und der Türke Zülfü Livaneli haben nie aufgehört, ihre Stimme gegen Ungerechtigkeit, politische Willkür und Diktatur mahnend zu erheben. Am 4. Mai kommen beide im Rahmen ihrer gemeinsamen Europatournee ins Berliner Haus der Kulturen der Welt.

Nur wenig erfährt man hierzulande über die politischen Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei, zweier Länder, die meist nur als Urlaubsziele sonnenhungriger Mitteleuropäer gelten. Die Feindschaft reicht viele Jahrzehnte zurück, als nach dem Griechisch-Türkischen Krieg (1921/22) die jeweilige Minderheit aus dem Land vertrieben wurde. Erst Ende der siebziger Jahre begannen nach langer Zeit des Schweigens erste künstlerische Annäherungsversuche. "Seit 1978 setze ich mich für die Freundschaft zwischen Griechenland und der Türkei ein. Damals gab ich mit Maria Farandouri Konzerte mit griechischen und türkischen Liedern, die viel Aufsehen erregten. Wir produzierten eine Schallplatte, die auch in Deutschland mit einem Preis ausgezeichnet wurde", erinnert sich Zülfü Livaneli der Anfänge.

Das war der Start zu einer Zusammenarbeit, die in der Folgezeit nicht mehr abriß. 1986 traf Livaneli, der mehr als 300 Lieder und unzählige Filmmusiken schrieb und mittlerweile als Regisseur drei Filme drehte, erstmals auf Mikis Theodorakis. "Wir produzierten eine gemeinsame Schallplatte mit seinen und meinen Liedern, die sich in der Türkei mehr als eine Million Mal verkaufte und mit einer Goldenen Schallplatte prämiert wurde", sagt der Liedermacher, der im darauffolgenden Jahr mit Theodorakis die Griechisch-Türkische Freundschaftgesellschaft gründete. "Zwischen unseren beiden Ländern besteht zur Zeit ein ernstes psychologisches Problem", fährt Zülfü Livaneli fort. "Unsere Regierungen haben ein Monster kreiert, den Nationalismus, um von eigenen innenpolitischen Versäumnissen abzulenken. Damit lassen sich leider viele Menschen manipulieren."

Der Liedermacher denkt dabei nicht nur an den Konflikt um die Insel Imia, einen unbewohnten Felsen, unmittelbar vor der türkis chen Küste gelegen, um den es vor einem Jahr beinahe einen bewaffneten Konflikt zwischen den beiden Ländern gegeben hätte.

Auch das Zypern-Problem - die Insel ist seit 1974 willkürlich in einen türkischen und einen griechischen Teil gespalten - harrt immer noch einer Lösung: "Mit unseren internationalen Konzerten wollen wir dazu beitragen, daß die Situation sich beruhigt und daß unsere Regierungen endlich wieder vernünftig miteinander verhandeln."

Die Künstler als Antreiber einer gelähmten, erstarrten Politik? Kein vermessener Ansatz, denn in ihrer jeweiligen Heimat sind die beiden Musiker nicht nur sehr bekannt, sondern genießen auch den Ruf großer moralischer Integrität. Zülfü Livaneli ist sich der symbolischen Kraft dieser gemeinsamen Konzerte wohl bewußt und setzt sie auch deshalb ein.

"Kürzlich haben Mikis Theodorakis und ich ein Konzert auf der griechischen Insel Kalymnos gegeben, die in unmittelbarer Nähe von Imia liegt. Unser größtes Ziel ist jedoch, bald auf Zypern zu konzertieren. Wir wollen mitten auf der grünen Linie spielen, auf der Demarkationsgrenze, die diese Insel ähnlich wie früher Berlin spaltet. Das soll unser Beitrag dazu sein, diesen Konflikt endlich zu einem guten Ende zu bringen."

Mittlerweile haben sich die Anzeichen verdichtet, daß auch dieses vor wenigen Monaten noch undenkbare Projekt unmittelbar vor seiner tatsächlichen Realisierung steht. Und für das Berliner Publikum hat der türkische Superstar noch eine Überraschung parat: "Wir werden in Berlin von Mitgliedern des Chores der Deutschen Oper unterstützt, von dem ich weiß, daß er zu den besten Chören der Welt gehört."

23.3.1997

© Berliner Morgenpost





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