Von unbegangenen Pfaden
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Chamber Music
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Immer wieder ist es verwunderlich, dass im klassischen Musikrepertoire gewisse kulturelle Gebiete nur marginal eine Rolle spielen oder fast völlig aus dem allgemeinen Bewusstsein verschwunden sind.
Ob wir uns von Mitteleuropa nun nach Süden oder Norden bewegen, man merkt sofort, wie sich das Wissen über andere Länder schlagartige ausdünnt. Nennen wir doch einmal die Namen zweier bedeutender griechischer Komponisten. Vielleicht kommt man gerade einmal auf Xenakis, aber dann hört es bei den meisten schon auf.
Auf einen hätte man noch kommen können: Mikis Theodorakis. Bekannt geworden ist er durch seine Musik zum Film ‘Alexis Sorbas’. Ja, wird man jetzt sagen, das ist aber doch bloß ‘U-Musik’, das zählt nicht. Was die meisten nicht wissen, dass Theodorakis ein ganz erstaunlicher Komponist mit einem großen Oeuvre ist, darunter auch Opern wie ‘Elektra’ oder ‘Medea’. Wie interessant ist es doch, sich dem Werk eines solchen Komponisten nähern zu dürfen; so vieles gibt es zu entdecken. Nun ist beim Label’ ‘Intuition Classics’ eine weitere CD mit Musik des griechischen Komponisten erschienen, denn nach den schon vorgestellten musikdramatischen und orchestralen Aspekten des Werkschaffens, soll auch ein Blick auf Kammermusik geworfen werden, die bevorzugt in früheren Kompositionen eine Rolle spielt.
Haris Hatzigeorgiou und der Pianist Vicky Stilianou enthüllen in den Violinsonaten No. 1 und 2 eine Musik mit ganz eigenem Tonfall. Sofort spürt man tiefe Verwurzlung in der heimatlichen Folklore mit ihren grillenartig gefärbten Gesängen, dem schon fast archaisch wirkenden Gestus bei einer an Debussy erinnernden Klangleichtigkeit und Liebe zur Farbe. Denn man bemerkt in der Tat einen Hang zur französischen Klangästhetik des 20. Jahrhundert, und es beinahe ein Aha-Effekt, wenn man erfährt, dass Theodorakis einige Zeit bei Olivier Messiaen am Conservatoire in Paris studiert hat. Insbesondere pulsiert in der zweiten Violinsonate eine immer weiter treibende rastlose Rhythmik, die ihren Halt in Messiaens rhythmischen, von indischer Musik inspiriert Kompositionsprinzipien findet, ohne dabei Messiaen selbst zu kopieren.
Die beiden Musiker interpretieren hier diese Musik so inspiriert, so voller Hingabe, dass man sich diesem Sog nicht entziehen kann. Der Klavierklang ist transparent und leicht, doch dann immer wieder aufsprudelnde Emotion, Tanz; Volkstanz, Opfertanz. Und immer stehen die beiden Musiker im musikalischen Dialog, suchen nach dem, was sie verbindet, und sagen sich dabei so vieles.
Durch das Violinspiel Stilianous erhält die Musik die ihr eigene herbe Note. Vor dem griechischen Hintergrund mit all seinen Mythen und Gesängen, wird hier klar, warum das so sein muss: Es sind die alten Gesänge die schon vor den Göttern existiert haben. Die Gesänge der Sirenen, denen kein Mensch widerstehen kann. Hier darf einfach kein Pathos sein, keine groß empfundenen Gefühle und somit auch kein Klang, der von Innen kommt. Es muss ein Klang der Natur sein, vollkommen frei und rein.
Und eben das macht die Interpretation so großartig, denn als Landsleute des Komponisten haben sie verstanden, was er mit dieser Musik einfangen wollte. Sie spielen Musik, der einen Teil der eigenen Identität verkörpert, und spielen deshalb mit einer aufrichtigen Leibhaftigkeit.
Als ‘Trio Athénien’, ergänzt durch die Cellistin Dana Hatzigeorgiou, rundet das Trio von 1947 diese Aufnahme ab. Hinzuzufügen bleibt nichts mehr. Diese Musik zeigt, wie vieles es doch jenseits der begangenen Pfade zu entdecken gibt: auf nach Griechenland.
Florian Wetter (06.02.2003)
Interpretation: *****
Klangqualität: ****
Repertoirewert: *****
in: klassik,com
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