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Korngold-Preis an Theodorakis (2002)




Ein Fest für Theodorakis

Exklusivbericht von Guy Wagner



Georg Baselitz, Mikis Theodorakis und Jack Lang



Kalt war es unter dem Zeltdach vor der riesigen Bühne auf dem Bonner Museumsplatz, auf der die Gruppe „17 Hippies", eine Berliner Kultband, Platz genommen hatte, als die diesjährigen Preisträger der Internationalen Filmmusik Biennale 2002 von 3Sat-Moderatorin Catherine Ann Berger bekannt gegeben wurden.

Ihre Präsentation blieb allerdings in Allgemeinheiten stecken und auch in ihren Fragen an die Preisträger kam sie kaum über Belanglosigkeiten hinaus.

Dennoch wurde die Veranstaltung, die die Organisatoren seit Monaten in Atem gehalten hatte, ein echtes Fest, vor allem für den eigens angereisten Mikis Theodorakis, der, nach Ennio Morricone und Ravi Shankar, als dritter den Erich-Wolfgang-Korngold-Preis für sein Lebenswerk als Filmkomponist erhielt: Ein Preis, der zweifellos als die bedeutendste Anerkennung angesehen werden darf, die der „Film" in Europa einem Musiker zugesteht.
Voraussetzung ist allerdings, dass der Ausgezeichnete auch auf anderen Gebieten bedeutende musikalische Leistungen aufzuweisen hat, und daran mangelt es dem griechischen Komponisten in der Tat nicht, hat er doch fünf Opern, fünf Symphonien, ein gutes Dutzend Oratorien, ebenso viele Ballettmusiken, Bühnenmusik, Musik für Hörspiele, Kammermusik und über tausend Lieder komponiert.

In der Begründung der Zuerkennung des Preises an Mikis Theodorakis heißt es daher zu Recht:

„Damit ehren wir einen Komponisten, dessen umfassendes Werk vorbildhaft die Botschaft einer Kunst vorträgt, welche die tiefe Kluft zwischen einer elitären, ‚vereinsamten' zeitgenössischen Musik und einer nivellierten Popularkultur überwindet. Der Erich-Wolfgang-Korngold-Preis würdigt deshalb die Vielschichtigkeit der kompositorischen Arbeit und die Spannbreite des Schaffens von Mikis Theodorakis zwischen autonomem Repertoire und anspruchsvoller Gebrauchsmusik im Rahmen eines herausragenden Gesamtwerks. Die Vergabe dieses Preises soll zudem eine Anerkennung dafür sein, dass dieses künstlerische und kulturelle Engagement von Mikis Theodorakis immer getragen war von einer politischen Haltung und von großer menschlicher Integrität."

Die Ehrung von Theodorakis

Höhepunkt der Gala war die Auszeichnung von Mikis Theodorakis. Sie begann mit der Darbietung von zwei seiner Lieder durch Jocelyn B. Smith, am Flügel begleitet von Henning Schmiedt, der zwei Wochen zuvor in Luxemburg der Partner von Maria Farantouri gewesen war. Stimmlich und expressiv war dies ein schöner Einstieg in die Würdigung des fast 77jährigen Meisters.


Livaneli singt für seinen Freund Theodorakis


Noch ergreifender war die Ehrung durch Mikis' langjährigen türkischen Kampfgefährten Zülfü Livaneli, Dichter, Sänger, Politiker, wie er, Gefangener und Verbannter, wie er, und zudem selbst auch Filmregisseur. Sein für Mikis geschriebener Gedichtstext, den er auf eine Theodorakis-Melodie in Englisch sprach war eine starke Würdigung, die den Geehrten und das Publikum rührte, so wie es die Filmausschnitte taten, zu denen Theodorakis Musik in vier Jahrzehnten beigetragen hat. Jede hat ihre Individualität, die dem Gehalt des Filmes immer exakt angepasst ist und weit entfernt ist von dem filmischen und musikalischen Einheitsbrei, der uns in vielen Auszügen vorher serviert worden war: „Etat de Siège" (Der unsichtbare Aufstand), „Electra", „Z" und, natürlich der Finaltanz aus „Zorba the Greek", der die mehreren hundert Anwesenden spontan zu rhythmischem Klatschen anregte.

Laudatio von Jack Lang

Es war dem bekannten französischen Politiker Jack Lang vorbehalten, die Laudatio zu halten. Theodorakis selbst hatte sich ihn als Festredner gewünscht, auch wenn man weiß, dass vieles am aktuellen Theodorakis-Boykott in Frankreich durch den vormaligen Kultur- und Erziehungsminister angeregt worden war. Hier in Bonn war es nun, als ob die beiden Persönlichkeiten, nach den vielen Jahren der politischen Divergenzen, zu einem neuen Verständnis und zu alter Freundschaft zurückgefunden hätten.

Davon zeugt auch der Wortlaut von Langs Rede, die wir hier in einer neuen deutschen Übersetzung (GW) integral veröffentlichen: die offizielle beinhaltete leider zahlreiche Sinnfehler und Entstellungen.

Preisüberreichung durch Baselitz

Aus den Händen des bekannten deutschen Malers Georg Baselitz nahm Theodorakis den Korngold-Preis entgegen - „in dieser Stadt mit einem Beethovendenkmal, einer Beethovenhalle und einer Beethovengarage", wie der deutsche Künstler feststellte. In einem Gespräch mit dem Bonner „Generalanzeiger" hatte er gemeint, dass man „wohl nirgends das Werk dieses Kämpfers für Demokratie und Freiheit so verstehen kann, wie in Deutschland", und dies scheint tatsächlich der Fall zu sein: Die Anwesenden ehrten Theodorakis mit einer minutenlangen Ovation.



Theodorakis stimmt ein in Schuberts "Lindenbaum"



Zum Schluss gab es dann für alle, besonders aber für den Geehrten selbst, eine wunderschöne Überraschung: Die Veranstalter, insbesondere Dr. Lothar Prox, wussten um die Verehrung des griechischen Komponisten für Schubert, und so sang denn der „Bonner Männer Gesang Verein", unter der Leitung von Marc Mönig, Schuberts „Lindenbaum", und Theodorakis stimmte mit Tränen in den Augen ein in dieses Lied, zu dem er eine ganz besondere Beziehung hat.

Sie geht, wie er mir später in kleiner Runde verriet, auf die Kriegsjahre zurück. Ein Jugendfreund mit einer besonders schönen Stimme und er, sangen dieses Lied regelmäßig in seiner volkstümlichen Fassung. Einmal wurden sie dabei von zwei Wehrmachtssoldaten gehört, die sie darüber ausfragten, wieso sie gerade dieses Lied singen würden. Sein Kamerad erklärte, dass Mikis selbst schon komponiere, und einer der beiden Soldaten stellte sich als Mitglied der Wiener Staatsoper vor und sang den jungen Menschen die Originalfassung von Schubert vor, über die Theodorakis hocherfreut war: Es war für ihn sozusagen die Entdeckung des klassischen Kunstliedes. Der Soldat versprach Theodorakis' Freund, „wenn dies alles vorbei" sei, werde er ihn nach Wien holen. „Er fiel bei Stalingrad", sagte uns Mikis, „und mein Freund schlug sich im Bürgerkrieg auf die Seite der Rechten und starb in den griechischen Bergen in einem Kampf mit den Partisanen."

Eindrucksvolle Konzerte

Abgerundet wurde die Ehrung in den nächsten beiden Tagen mit zwei Konzerten, die wichtige Aspekte von Theodorakis' Musik, aber auch des historischen Hintergrundes, auf dem sie komponiert wurde, herausstellten. Zuvor aber teilten er und sein Freund Livaneli, beide große Fußballfans, Spannung und Entspannung beim Spiel Türkei-Südkorea.


Während der Aufführung des "Sextetts"


Zu Beginn eines der besten Kammermusikkonzerte mit Theodorakis-Werken, die es uns bisher gegönnt war zu hören, sang der griechische Bariton Tassis Christoyannis (der „Polyneikes" in Theodorakis' „Antigone"), am Klavier sehr sensibel begleitet von Thomas Wise, im prächtigen Kammermusiksaal des Beethoven-Hauses die „Kleinen Zykladen" auf die wunderschönen Texte von Odysseas Elytis (1963). Durch seine einfühlsame Deutung und das gekonnte Zusammenwirken der beiden Partner wurden diese Volkslieder zu ebenso evidenten Kunstliedern, ganz im Geiste der Melodien von Franz Schubert. Ähnliches galt für die vier Lieder aus „Arkadia II", die Theodorakis während der Verbannung durch die Obristen in Zatouna 1969 auf bittere Texte von Manos Eleftheriou geschrieben hatte. Der Komponist hat sie nun mit einer neuen Klavierbegleitung versehen, die ein eindringliches und zugleich komplexes Zwiegespräch zwischen Stimme und Instrument verwirklicht. Bei der Erstaufführung der Neufassung in Bonn gelang dieser Dialog hervorragend.

Auf die französischen Lehrjahre am Pariser „Conservatoire, genauer gesagt, auf das Jahr 1958, gehen die Eluard-Lieder zurück, die lange Zeit mit Verbot von den Erben des Dichters belegt waren. Sie sind stark in der so anders gelagerten französischen Liedtradition verankert. Die „Quatre Eluard" wurden in Bonn von der jungen griechischen Sängerin Antigone Papoulkas einfühlsam und elegant vorgetragen, auch wenn sie kleine Diktions- und Artikulationsprobleme hatte. Noch feiner schien uns der von Thomas Wise subtil gedeutete, fast impressionistische Klavierpart.

Das früheste Werk auf dem Programm war das „Sextett", das Theodorakis 1947, vor und nach seinem ersten Aufenthalt in der Verbannung auf Ikaria, komponiert hat, das einzige Sextett übrigens, das er je schrieb und das in dieser Form erst ein einziges Mal, 1952, gespielt wurde. Man kann nur bedauern, dass diese ungemein ergreifende Musik nicht zum Standardrepertoire gehört, derart intensiv und bewegend ist ihre Aussage, derart konzentriert ihre Form. Bekanntlich hat Theodorakis das Werk 1995 für Streichorchester, Flöte und Klavier für eine Australien-Tournee umgeschrieben, und in dieser Form liegt es auch als CD-Einspielung vor.

Das hervorragende Minguet-Quartett, das eine erstaunliche Homogenität und Differenzierungskunst bewies, spielte das Sextett zusammen mit Andrea Lieberknecht,
Flöte, und Stefan Litwin, Klavier, und schenkte uns eine optimale Darbietung des Werkes. Mit Ernst und Sensibilität gingen die Musiker „Präludium und Choros", den elegisch-feierlichen Einleitungssatz, an, brachten die tänzerische Kraft des „Scherzos" zum Schwingen und gaben dem breit angelegten Finale, das erst nach der Verbannung entstand und wie eine Vorausahnung der kommenden Tragödie im Leben des Komponisten (Makronissos) wirkt, eine innere Intensität und eine ergreifende Schwermut.

Abschließend erklang mit Antigone Papoulkas und Tassis Christoyannis, Gesang, Manuel Bilz, Oboe und Englischhorn, Matthias Diener, Cello, Francesco Savignano, Kontrabass, Alexander-Sergej Ramirez, Gitarre, und Thomas Wise, Klavier, der Liedzyklus „Wie ein antiker Wind", den der Komponist selbst eine „Rhapsodie für zwei Stimmen und Quintett" nennt. Die fast wie Haikus wirkenden Gedichte von Dionysos Karatzas wurden von den Sängern einfach im Vortrag, sehr einfühlsam im Ausdruck und in bewundernswerter Abstimmung mit den exzellenten Musikern, die ebenso sehr Solisten wie Partner waren, dem Publikum nahe gebracht, dass sich mit herzlichem Applaus bei allen Beteiligten bedankte.


Applaus für "Zorba"


Anderntags war Antigone Papoulkas im Rahmen einer Matinee in der Bundeskunsthalle ebenfalls die einfühlsam singende Solistin in einer brillanten Darbietung der „Zorba" Ballett-Suite, mit dem Landesjugendchor NRW und dem Bundesjugendorchester unter der Leitung von Christian Voß.

Ihr ging der sehr aufschlussreiche Dokumentarfilm „Canto General" von Joachim Tschirner voraus, der selbst anwesend war und kurze Erläuterungen über seine Arbeit gab. Der gemeinsam mit Rainer Schulz und Asteris Kutulas 1983 in der DDR für die DEFA gedrehte Film über die Entstehung des großartigen Oratoriums von Pablo Neruda und Mikis Theodorakis, mit einer parallelen Deutung des Lebens beider Schöpfer, war für viele Anwesende eine bewegende Revelation, und die eindrucksvoll homogene, klangüppige, farb- und kontrastreiche „Zorba"-Darbietung, die mit ebenso viel interpretatorischem Können wie spontaner Freude getragen wurde, riss das Publikum mit. So war es denn selbstverständlich, dass der triumphale Abschluss der Filmmusik-Biennale allen Mitwirkenden, und vor allem Theodorakis selbst, stehende Ovationen einbrachte.

Wirklich: Ein schönes, gelungenes Fest!


© Guy Wagner, 10.07.2002, in: Tageblatt, Luxemburg



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