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Über Pablo Neruda und den »Canto General«





Theodorakis mit Sajonmaa und Pandis am Grabe Nerudas
Interview mit Mikis Theodorakis

Frage: Mikis Theodorakis, Deine Beziehung zu Pablo Neruda, die Bekanntschaft mit ihm, die Entdeckung des Canto General, was bedeuteten sie für Dich?

MTh.: Ich begegnete Pablo Neruda erstmals 1966, als er im Exil in Paris war. Er lebte in einem kleinen Hotel im Quartier Latin, und später, 1970, als ich in Paris im Exil war, kam er dorthin als Botschafter. Er schlug mir vor, Chile zu besuchen, und als ich dann in Chile war, nahm ich in Valparaiso an einem Konzert teil, wo der Canto General vorgestellt wurde: Es war damals die Mode kollektiver Kompositionen;. es gab daher mehrere Komponisten, die Canto General in Musik gesetzt hatten; ein Schauspieler las den Text, und ich war sehr, sehr beeindruckt. Ich erinnere mich, als ich nach dem Konzert hinter Bühne (in den Kulissen) war, um die Komponisten zu beglückwünschen, versprach ich, meine Vertonung des Canto General zu verwirklichen. Der Canto General hat, glaube ich, 160 Gedichte...

Einige Tage später war ich bei Allende in seiner Wohnung zu einem Abendessen eingeladen, und ich sprach ihm über meine Absicht einer Vertonung des Canto General, und Allende gab mir die zwei Bände als Geschenk.

Als ich dann nach Paris zurückgekehrt war, setzte ich mich sofort an die Arbeit und begann mit dem ersten Lied. Es war "Amor America". Es war dies nicht ein einfaches Lied, sondern ein großer Gesang, fast sinfonischen Ausmaßes, also schwierig sofort zu gestalten. Und da sagte ich mir: Wenn ich so der Reihe nach die Gesänge vertone, brauche ich zehn Jahre, um die Komposition abzuschließen. Aber ich machte weiter: "Algunas Bestias", "Vegetaciones"... und so komponierte ich sieben Gesänge und beschloß, sie vorzustellen, aber diese Komposition war sehr, sehr schwierig für ein volkstümliches Orchester.

Zu diesem Zeitpunkt kam Yannis Didilis, mein Pianist, aus Griechenland.

(Yannis Didilis war ein brillanter Pianist, Leiter des "volkstümlichen Orchesters" oder Volksorchesters – Orchestre Populaire – und ein enger Freund von Theodorakis, der wegen Mikis ins Exil ging. Er starb 1976 an Kehlkopfkrebs. Ihm ist der Canto General gewidmet.)

Er bat mich, ihm alles vorzuspielen, was ich zu diesem Zeitpunkt (n.b. im Exil) komponiert hatte. Ich brachte einen ganzen Tag damit zu, ihm meine Kompositionen vorzuspielen. Er aber versteifte sich auf den Canto: "Das ist es, was ich tun will!" – "Aber es ist sehr schwierig..." – "Sag mir, womit ich beginnen soll!"

Er begann seine Arbeit mit seinen Musikern, die den ganzen Sommer lang anhielt, er studierte die Musik ein, und so machten wir die erste Tournee.

Wir waren in Buenos Aires und spielten die sieben ersten Lieder mit dem Volksorchester ohne Chor.

Als ich nach Paris zurückgekehrt war, besuchte ich Pablo Neruda und lud ihn ein, an einer Probe teilzunehmen. Er kam zur Probe, hörte der Musik zu, danach gingen wir in seine Wohnung. Ich fragte ihn nicht über seine Eindrücke, denn er und seine Frau waren sehr gerührt, aber ob die Vertonung der spanischen Sprache adäquat sei, die ich zwar verstand, aber nicht sprach.

Er antwortete: Es ist ganz außerordentlich, und wenn mal ein Akzent falsch gesetzt ist, was bedeutet das schon? Wichtig ist, daß Sie den Sinn meiner Dichtung wiedergeben...

Und er nahm ein anderes Buch in einem Band und schrieb mir eine Widmung hinein und sagte mir: “Hör mal, ich möchte, daß du noch folgende Texte vertonst”, und kreuzte sie mit einem grünen Stift an: "Lautaro", "Voy a Vivir"... und so komponierte ich noch fünf Lieder.

1973 sollte ich für eine zweite Tournee nach Lateinamerika fahren. Vor der Abreise besuchte ich noch einmal Neruda, der mir sagte: "Ich muß schleunigst zurückreisen. Allende hat mir telefoniert und mir gesagt, es gebe Probleme. Er wollte mich in seiner Nähe haben."

Er kehrte also nach Chile zurück und schrieb meiner Agentur mit der Bitte, an meinen Konzerten teilzunehmen und selbst die Gedichte vorzutragen, und so stand noch auf den Plakaten für die ersten sechs Konzerte in Buenos Aires der Name Nerudas als Sprecher.

Wir gingen nach Buenos Aires, aber er kam nicht.

1972 war noch die Militärdiktatur, 1973 war Peron an die Macht zurückgekehrt mit Isabelita. So hatte sich einiges geändert, aber es war noch hart.

Am Schluß des ersten Konzertes, rief die ganze Menge nach Neruda. Ich rief ihn in Isla Negra – (n.b.: "Schwarze Insel" an der Pazifikküste: Hier hatte Neruda sein Haus) – an, und er bat um Entschuldigung, daß er nicht an den Konzerten teilnehmen könne: "Ich bin krank, leide an Rheuma..." Er wußte nicht, daß er an Leukämie litt... "Aber wenn Sie nach Santiago ins Stadium kommen, werde ich da sein, um die Gedichte zu lesen."

Anderntags rief mich der persönliche Sekretär von Allende an und sagte mir, es sei besser, wenn ich nicht nach Chile käme: "Wir haben kleine Probleme", sagte er, "machen Sie ihre Konzertreise und kommen Sie in einem Monat."

Als wir in Venezuela waren, erfuhren wir den Staatsstreich und den Tod Allendes (11.9.1973), und in Mexiko erfuhr ich den Tod Nerudas (24.9.1973)

Das erste Konzert war in der Oper von Mexiko City, und ich sagte, ich würde in jedem Konzert Canto General spielen, bis zur Befreiung Chiles, und das tat ich auch, bis ich nach 20 Jahren nach Chile zurückkehrte und dort drei Konzerte gab.

Ich besuchte Nerudas Haus auf Isla Negra am Pazifik und auch das Grab, wo er und Mathilde, seine Frau, bestattet sind...

Ich werde Ihnen nun von einem Wunder erzählen!

Neruda hat "Vienen los Pajaros" nicht gehört, ein Gedicht über die Vögel, alle Vögel Lateinamerikas, die er auf seine poetische Art beschreibt. Ich bat meine Sekretärin Rena (n.b.: Rena Parmenidou ist die Privatsekretärin von Mikis Theodorakis seit langen Jahren) ein Tonband mit diesem Lied vorzubereiten, denn ich hatte mir vorgenommen, diese Musik auf dem Grabe Nerudas zu spielen, denn ich war überzeugt, er könnte sie hören.
Wir waren also am Grab, – das chilenische Fernsehen war da, das griechische auch...

Wir legten Blumen am Grabe nieder, und ich stellte mir vor, Neruda werde aus dem Grabe auferstehen, und ich starrte auf das Grab, und wir begannen, die Musik zu spielen, und plötzlich fiel einer der Vögel, die Neruda besungen hatte, ein großer, bunter Vogel vom Himmel, tot, auf das Grab Nerudas. Ich habe ihn aufgehoben, das Fernsehen hat diesen Augenblick festgehalten.

Ein Wunder...


Text und aussagegetreue Übersetzung: © Guy Wagner

Diese Aussagen sind Teil des Dokumentarfilms über Theodorakis von Peter Wortmann: "KRETER, GRIECHE, EUROPÄER". Erstausstrahlung: WDR-Fernsehen am 17.6.97 um 22.30 Uhr






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