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Palästina: Ansprache von Mikis Theodorakis





Theodorakis auf dem Syntagmaplatz, am 10.04.02 (Photo: Aris Messinis /AP)
Brüder Palästinas,

Das griechische Volk ist auf Eurer Seite. Es verfolgt mit Bange und Trauer Eure neue grosse Tragödie… Es revoltiert sich und protestiert gegen die Verbrechen Sharons, der wie ein kleiner Hitler, gestützt auf brutale Gewalt und seine Big Bosses, wehrlose Zivilisten, alte Menschen, Frauen und Kinder ermordet, vernichtet, verhaftet, foltert.

Aber Sharon und seine Bosse verursachen nicht nur eine Katastrophe. Sie verhöhnen gleichzeitig alle großen Errungenschaften, Institutionen und Instrumente der internationalen Legalität: UNO, Europarat, die Regierungen Europas, Russlands, Chinas und der arabischen Länder. Die Angst vor Bush hat alle Grossen und Verantwortlichen dieser Welt macht- und verantwortungslos gemacht.

Wer aber weiß etwa nicht, dass die US-Regierung, indem sie die menschliche Tragödie des zerstörerischen Angriffs gegen die Twin Towers in New York schamlos ausnutzt, Kriegspläne entworfen hat und zur Anwendung bringt, die die Zukunft der Menschheit gefährdet?

Was werden also die zivilisierten Mächte der Welt tun? Werden sie weiterhin mit gekreuzten Armen zusehen (sofern sie nicht selbst beteiligt sind), wie die amerikanischen Generäle bombardieren, mal im Kosovo, mal im Afghanistan, oder, wie jetzt, den verschiedenen Sharons helfen, die Taktik Hitlers der verbrannten Erde anzuwenden?

Wissen sie denn nicht, dass, wenn die Kriegsmaschine in Bewegung gesetzt wurde, sie von niemandem mehr aufgehalten werden kann?

Es lässt schon tief blicken, dass nach der „Achse des Bösen", wie Bush sie genannt hat, das heißt, Irak, Iran und Nordkorea, nun Chine und Russland an der Reihe sind. Und warum nicht übermorgen Europa?

Die Logik der militärischen Überlegenheit, die Logik der Kriegsgeneräle ist ein Paralogismus, ist der Irrsinn selbst. Ab dem kann nichts mehr ausgeschlossen werden.

Wenn wir nicht jetzt, wo sie noch am Anfang stehen, jene aufhalten, die Völker als „Terroristen" bezeichnen, um sie auszurotten, dann kann es morgen vielleicht zu spät sein.

Heute unternehmen Bush und Sharon, dank des Bonbons des Terrorismus, eine Frontalaggression gegen die Palästinenser, deren Endziel die militärische Besetzung ist, die Vernichtung seiner Leader, und zuerst von Arafat, das Einsperren aller Protagonisten in KZs und Gefängnisse, die Terrorisierung der Zivilbevölkerung, der man bereits das Wasser absperrt.

Sie wollen die palästinensischen Gebiete in ein riesiges Militärlager umwandeln und so ihre Endlösung erreichen. Es scheint, in der Tat, dass die ehemaligen Opfer, die Israelis, immer stärker von den Methoden ihrer ehemaligen Henker, der Nazis, fasziniert sind. Eine Endlösung, damals, auf Kosten der Juden. Eine Endlösung, heute, auf Kosten der Palästinenser. Es fehlt nicht einmal das schreckliche „Detail", eine unauslöschlichen Nummer in die Hände der Gefangenen einzuprägen…

Ich will hier auch vom Drama der einfachen Menschen in Israel reden, von denen feststeht, dass eine Mehrheit in Frieden mit den Palästinensern leben will, anstatt ihre Kinder wegzuschicken, um schmutzige Aufgaben zu erfüllen, ihre Vergangenheit zu entehren und die Selbstmordanschläge zu erleiden, die sie in Trauer und Verzweiflung stürzen.

Die Schuld daran aber trägt ihre Entscheidung, einem Wolf wie Sharon die Herde des Friedens anvertraut zu haben. Aus diesem Grunde haben sie, zuerst einmal, die Pflicht - gegenüber sich selbst -, sich so schnell wie möglich von Sharon und den Militaristen zu befreien, die heute vielleicht berauscht sind von Gewalt und Zerstörung, morgen aber sicher vor Scham vergehen werden, einer Scham, die nicht nur ihre sein wird, sondern die von ganz Israel.

An die Israelis wendet sich der Dichter Kostas Myris (Pseudonym von Kostas Georgousopoulos), der mich gebeten hat, diesen Zweizeiler zu lesen, den er eigens für sie geschrieben hat:

Ist es zu glauben, dass im Panzer
der Enkel der Anne Frank sitzt?

Jedenfalls werden wir, die einfachen Bürger unseres Landes, mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, alles tun, was wir können, um die Palästinenser nicht den Barbaren zu überlassen, denn wir wissen, dass wenn Palästina den heutigen Eroberern ausgeliefert wird, wir die Türe offen lassen, damit morgen die dunkelsten Kräfte hindurch gehen können, die die Menschheit bisher gekannt hat.

Einmal mehr steht das ganze griechische Volk auf der Seite der Opfer, der heldenhaften Palästinenser, und fordert, dass die Resolution der UNO respektiert wird, dass die israelische Armee sich zurückzieht, dass Arafat freigelassen wird und Friedensverhandlungen beginnen. Dies ist der einzige Weg, um beide Völker von den Gräueln des Krieges zu befreien.

10.4.2002
Mikis Theodorakis (©)

Übersetzung: © Guy Wagner





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