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Das "Antigone"-Ballett und die Folgen





"Antigone" in Covent Garden
Aus Covent Garden erreicht Theodorakis der Auftrag zum Ballett »Antigone«. Die Choreographie ist von John Cranko, der das Werk in Auftrag gegeben hat.

Theodorakis schreibt zu »Antigone« eine Musik, die aus elf »Episoden« besteht und die dramatische Handlung des Meisterwerkes von Sophokles musikalisch illustriert.

Die Musik ist ein herrliches Beispiel für eine erzählendes Ballettkomposition. In ihr löst Theodorakis den Konflikt, mit dem er während seiner Pariser Jahre gelebt hatte: dem Widerstreit zwischen einem auf modernen Techniken fußenden Schaffen und dem Wunsch nach einer authentisch griechischer Musik, die erst noch zu gestalten war.

Die eigentliche Handlung wird durch eine Kompositionstechnik gestützt, die auf mathematisch-kombinatorischen Prozessen beruht, während im ersten Teil der Chor, nach der Technik des byzantinischen Kirchengesanges, die Tänzer zum Ort des Geschehens begleitet.

In dieser Musik sieht der Komponist selbst den Einfluß von Dmitri Schostakowitsch und dessen Art der Melodiebehandlung, in der Theodorakis eine »Defigurierung« feststellt, und in ihr ist er am weitesten auf dem von Xenakis eingeschlagenen Weg mitgegangen.

Aus dem »Antigone«-Ballett stellt der Verleger Boosey & Hawkes eine Suite unter dem Titel: »Images d'Antigone« zusammen mit den Teilen: Antigone et Aimon; Danse de Jocaste; Danse de guerre-Epitaphe; La mort d'Antigone.

Sie erhält große Resonanz.

Mikis erkennt aber gerade zu einem Zeitpunkt, als er internationale Anerkennung findet und Darius Milhaud ihn für den Copley Music Prize des besten europäischen Komponisten des Jahres vorschlägt, daß dies nicht sein Weg ist.

»Ich erinnere mich, ich ging mit Xenakis entlang der Avenue de l’Opéra. Als er mir erklärte, daß man mit der Logik, der Mathematik dasselbe Ergebnis haben könne wie ein Komponist mit seiner Intuition, seinem Talent, sagte ich ihm: >Für mich hat der größte Mathematiker nicht die Kraft einer Mücke.< - >Wieso einer Mücke?< - >Weil eine Mücke eine andere Mücke, das heißt, Leben erzeugen kann.<

Ich glaube, Xenakis hat das mit der Mücke behalten. Es stimmt ja auch: Eine Mücke kann Leben erzeugen, ohne das geringste von Berechnungen zu wissen, das ist das Geheimnis des Lebens.

Und da rührt meine Divergenz mit dem Dodekaphonismus her, der uns die Möglichkeit verschaffen hat, Musik herzustellen ohne Talent, und ohne Inspiration.

GW: Du hast gesagt, die Melodie sei der Fingerabdruck eines Komponisten.

MT: Wenn du eine Melodie hörst, erkennst du Mozart, Beethoven, Strawinsky, Bach, Tchaikowski ... wieder. Darin liegt das Genie, daß man jemanden sofort wiedererkennt. Aber nachher kommt die Konstruktion, die eine sinfonische Komposition ausmacht.

Die Sinfonie ist wie der Parthenon.

Der Parthenon ist eine Konstruktion aus Materialien. Warum hat er die Jahrhunderte überdauert? Nicht weil er aus gewissen Materialien gebaut wurde, aber weil er von einem genialen Baumeister, Xenos, konzipiert und errichtet wurde, der eine Vision hatte, die dem Parthenon Leben, eine Seele eingeflößt hat.

Nicht das Material schafft die Seele eines Bauwerks.

Ich sagte zu Xenakis: >Ich erkenne dich als Experimentierer an, der auf dem Gebiet des Klanges sucht, neues Material findet, aber ich vergleiche dich mit den Komponisten und Physikern, die vor Bach eine gleichschwebende Temperatur suchten und forderten. Dann kam Bach und setzte dank seines Genies das Wohltemperierte Klavier durch. Du arbeitest für einen kommenden Bach< ...

Mein Weg konnte nicht seiner sein. Ich mußte zu den Wurzeln zurück.«


© in: Guy Wagner: Mikis Theodorakis. Ein Leben für Griechenland
Auszüge aus den Pariser Gespräche vom 2. und 3. November 1980 und den Gesprächen in Vrachati, vom 21. bis 23. Juli 1994


ANTIGONE, AST 119
Komposition: 1958 - 31.8.1959 in Paris

10 Teile:
1. Antigone - Haemon (Andante cantabile)
2. Chor (Allegro marcato)
3. Auftritt und Tod des Königs (Andante con moto)
4. Jokaste - Antigone
5. a) Eteokles - Polyneikes - Antigone
5. b) Chor (Marcato)
6. a) Tod der Jokaste & Antigone - Die Brüder - Chor
6. b) Eteokles - Polyneikes - Antigone & Antigone - Hawmon
7. Eteokles - Polyneikes - Tanz
8. a) Frauen - Antigone - Haemon
8. b) Antigone - Die Brüder - Chor
9. Der Krieg - Chor der Frauen
10. Finale
UA: 19.10.1959 Royal Opera House Covent Garden, Londres
Choreographie: John Cranko
Mus. Leitung: Hugo Rignold



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