Am Ursprung sowohl der Sonatine für Klavier als der Sonatine Nr.1 für Violine und Klavier steht das Stück mit dem Titel: „Syrtos Chaniotikos“ für Klavier und Schlagzeug, das – wie hätte es anders sein können? – auf Liedern und Tänzen aus Kreta beruht, vor allem aus der Gegend von Chania, dem Hauptort, der nur sieben Kilometer entfernt ist von Galata, dem Heimatdorf von Theodorakis.
Zuerst ging der „Syrtos“ ein in die Sonatine Nr.1 für Violine und Klavier, die 1952 geschrieben und am 10. April 1953 zum ersten Mal aufgeführt wurde. Sie dauert ungefähr zehn Minuten und stellt große technische Anforderungen an die beiden Interpreten. Theodorakis erreicht eine gelungene Verbindung von rhythmischer Dynamik und melodischem Elan.
Ausgehend von musikalischen Themen der griechischen Volksmusik, insbesondere der kretischen, der Reichsten und Schönste von allen Varianten der sogenannten „demotischen“ Musik, gestaltet Theodorakis ein sehr persönliches Werk. Die Art, wie er den Dialog zwischen der Violine und dem Klavier unterhält, ist originell und von einer großen formalen Strenge.
Der erste Satz, „Vivo“, ist eine Weiterführung und eine Entwicklung des „Syrtos“, voll Urwüchsigkeit, Brillanz und Schwung. Theodorakis stellt darin eine besonders raffinierte Beziehung zwischen den melodischen und rhythmischen Elementen her.
Im Gegensatz dazu steht ein sehr melodischer langsamer Satz, „Largo“, in dem Theodorakis ein Wechselspiel von Fragen und Antworten zwischen den zwei Instrumenten herstellt. Das Klavier gibt die Motive an, die Violine greift sie auf, setzt sie fort und entwickelt sie weiter. Ganz am Ende erst, auf einem Orgelpunkt des Klaviers, löst die Violine die Spannung mit einen melancholischen Thema, welches das Klavier aufgreift und zu seinem Abschluss führt.
Das Finale, ein „Allegro molto vivace“, ist von leuchtender Intensität. Die wichtigste, rhapsodische Melodie setzt neue Akzente, die intensiven abwechslungsreichen Rhythmen beruhen auf einer zyklischen Grundlage. Dieser von Virtuosität und Brillanz geprägte Satz ist eine weitere Referenz an traditionelle kretische Tanzrhythmen auf der Grundlage von sich wiederholenden Motiven, diatonischen Übereinstimmungen und einer sehr virtuosen Schreibweise.
Wen wundert es, dass sich die musikalischen Grundlagen des Satzes in der brillanten Instrumentierung des „Zorba“-Balletts von 1988 wiederfinden?
© 2000 - Guy Wagner
SONATINE N°1 FÜR VIOLINE UND KLAVIER, AST 75
Komposition: 1952 In Athen (Nea Smirni)
Sätze:
1. Vivo
2. Largo
3. Allegro
UA: 10.4.1953 in Athen
Tatsis Apostolidis, Violine
Aufnahme COLUMBIA 1960
Tatsis Apostolidis, Violine, Madeleine Berthelier, Klavier
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